28. Oktober 2018, 20:18 Uhr

Niemand soll vergessen sein

Die meiste Zeit seiner letzten Jahre verbrachte der Mann im Torbogen der Friedberger Stadtkirche. Er nannte sich »Der arme Poet«. An ihn und zahlreiche andere Menschen, mit denen es das Leben nicht gut meinte, erinnern seit Kurzem bunte Blätter. Sie hängen an einem Baum, der nahe dem Lieblingsplatz des »Armen Poeten« gepflanzt worden ist.
28. Oktober 2018, 20:18 Uhr

Hinter der Stadtkirche in Friedberg steht seit Mittwoch ein Kirschbaum, an dem bunte Blätter aus Keramik hängen. Auf den Blättern stehen die Namen verstorbener Obdachloser – sie sollen nicht vergessen werden. An dem Pflanzkübel steht zu lesen: »Du wirst sein wie ein Baum. Zum Andenken an die Verstorbenen der Straße«.

»Oftmals erfahren wir nicht mal, wo die Verstorbenen bestattet werden«, sagt Susanne Domnick, evangelische Stadtpfarrerin in Friedberg. Wenn ein Obdachloser stirbt und es keine Angehörigen gibt, die die Beerdigungskosten übernehmen, bleibt nur die sogenannte Sozialbestattung – der Staat übernimmt dann die Kosten. »In Andachten wird an die Verstorbenen erinnert«, sagt Domnick, doch hier schaffe man nun einen Ort der Erinnerung für Freunde und Bekannte.

Von Obdachlosigkeit betroffene Menschen sterben oft früher, im Schnitt bereits mit Mitte 50, schätzt Domnick. Auch wenn in Friedberg keiner der Obdachlosen tatsächlich tagtäglich auf der Straße lebe, erklärt Verena Weiß. »Die meisten sind irgendwo bei Freunden oder Bekannten untergekommen, sie schlafen mal hier, mal da«, sagt die Mitarbeiterin des Karl-Wagner-Hauses. Oftmals in einfachsten Verhältnissen auf engstem Raum, weshalb sie sich tagsüber lieber draußen aufhielten und sich träfen, wie an der Stadtkirche oder an dem Platz hinter dem Wetterau-Museum. Dass die Lebenserwartung dieser Menschen niedriger sei, liege an der Lebensführung, erklärt Weiß, »und an der fehlenden Eigenfürsorge«.

Ein fehlendes soziales Umfeld, psychische und finanzielle Probleme sind der Obdachlosigkeit meist vorausgegangen. Für viele seien die Kumpels, die sie treffen, der Ersatz für familiäre Bindungen. »Daher ist es so wichtig, den Menschen einen Ort der Erinnerung zu geben.«

Frühstück für Obdachlose

Die Idee dazu hatte Birgit Pflügel. Sie leitet das vom Karl-Wagner-Haus organisierte Frühstück in einem Raum der Stadtkirche. Jeden Mittwoch können hier Obdachlose ein Frühstück bekommen, sich treffen und unterhalten, einmal im Monat gibt es ein warmes Essen. »15 bis 20 Menschen kommen jeden Mittwoch«, sagt Pflügel, die das Frühstück seit 2001 betreut und von Ehrenamtlichen unterstützt wird. Den Raum stellt Pfarrerin Domnick zur Verfügung, weil es im Karl-Wagner-Haus nicht ausreichend Platz gibt.

Nachdem das Bäumchen in den Kübel gepflanzt wurde, hängen alle ein Blatt mit Namen an den Baum. Die bunten Keramikblätter wurden von den Obdachlosen gestaltet. Sie teilen ihre Erinnerungen, während sie die Blätter an den Baum hängen. Viele der verstorbenen Obdachlosen waren in Friedberg bekannt. Einer unter dem Namen »Der arme Poet«, wie er sich mit seinen Habseligkeiten im Torbogen der Stadtkirche präsentierte. Auch wenn er eine Weile im Karl-Wagner-Haus gelebt hatte, bevorzugte er seinen Freiraum, beobachtete von »seinem Wohnzimmer« aus die Welt und pflegte seine Alltagskontakte.

Und obwohl unter den Obdachlosen mehrheitlich Männer sind, stehen auf den Blättern auch viele Frauennamen. So wie der einer Frau, die auch mal hier und mal da Unterschlupf bei Bekannten fand, übergangsweise auch im Karl-Wagner-Haus, wo üblicherweise nur Männer untergebracht werden. Hier wurde ihr geholfen, eine Wohnung zu finden, in der sie bis zu ihrem Tod eigenständig mit Unterstützung des betreuten Wohnens leben konnte.

Ein anderer, an den hier erinnert wird, stammte aus Polen. Hatte mal Arbeit, mal keine, aber abhängig zu sein von der Unterstützung anderer, sei ihm unangenehm gewesen. Doch als Wohnmöglichkeiten bei Freunden immer schwieriger und Gelegenheitsjobs seltener wurden, verlor er immer mehr den Boden unter den Füßen. Schließlich habe ihm die Not-»Gemeinschaft« seiner letzten Übernachtungsmöglichkeit den Tod gebracht. Das Blatt erinnert an den Mann, der vor fünf Jahren unter der Brücke der Friedberger Burg gestorben ist.

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