09. Juni 2018, 18:00 Uhr

Gefangenschaft

Neue Heimat nach dem Krieg

Aus einem Kriegsgefangenenlager schreibt Engelbert Schöniger regelmäßig an seine Familie – die an einem Ort ist, von dem er nie zuvor gehört hat.
09. Juni 2018, 18:00 Uhr
In manchen Monaten sendet Engelbert Schöniger mehrere Karten nach Hause. Immer wieder erkundigt er sich nach der Familie, wie es Irma, der Tochter, geht. Und was Kurt, sein jüngster Sohn, macht. (Fotos: sda)

Feldpost

In unserer Feldpost-Serie veröffentlichen wir wöchentlich Auszüge aus Feldpostbriefen, erzählen die Geschichten dazu und welche Schicksale sich dahinter verbergen.

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24 Postkarten sind es, jede ist nummeriert. »Das passt zu ihm, so war er«, sagt Edeltraud Schöniger. Ihr Schwiegervater Engelbert Schöniger ist Kaufmann gewesen – vor dem Krieg hatte er einen Kolonialwarenladen im Sudetenland. In seinen 30ern, die Tochter und der jüngste Sohn waren erst wenige Jahre alt, wurde er eingezogen, musste an die Front nach Russland – und von dort in Gefangenschaft. Engelbert Schöniger kam ins Lager Nr. 7299, so steht es auf den Postkarten, die seine Schwiegertochter noch heute in Nieder-Wöllstadt aufbewahrt.

 

Keiner der Adressaten lebt noch

 

Aus den Erzählungen des Schwiegervaters weiß sie: Das Lager war auf der Krim, die vielen Postkarten sendete er nach Heldenbergen. Dorthin war seine Familie gekommen – Anna, seine Frau, Irma, die Tochter, und Kurt, der Sohn von Engelbert Schöniger und spätere Mann von Edeltraud Schöniger. »Heute lebt keiner der Adressaten mehr«, sagt die Witwe.

 

Meine Lieben! Jede Postkarte beginnt mit diesen Worten. Und jede Postkarte ist unterzeichnet mit Euer Vater.

Was gibt es sonst Neues bei Euch. Habt ihr von Alfred noch kein Lebenszeichen. Wie geht es Vater gesundheitlich. Wie ist es sonst mit der Verpflegung, habt ihr einigermaßen genug zu essen? Und sonst das ganze Leben?

 

Umzug nach Heldenbergen

 

 

Während der Vater in Gefangenschaft ist, muss die Familie das Sudetenland verlassen. Sie kommen in den Kreis Friedberg – nach Heldenbergen. Von weit weg schreibt der Vater: Wie viel Einwohner, wie viel Aussiedler hat Heldenbergen? Wie ist die Unterkunft?

 

In jedem Brief Erkundigungen nach der Familie. Bin soeben in der Lage, Euch einige Zeilen zu berichten (...). Ihr werdet jetzt viel mit der Ernte beschäftigt sein (...). Was machen unsere Kinder? Sind sie wohlauf?

 

Die Postkarte trägt das Datum 21.7.1948. Wenig später kann Engelbert Schöniger das Gefangenenlager verlassen. Es muss August 1948 gewesen sein. Das genaue Datum ist anhand der Unterlagen nicht zu rekonstruieren. Sicher ist nur: Am 3. September wird er im Heimkehrerlager »Waldschänke« in Hersfeld aufgenommen. Vier Tage später kann er gehen.

 

Von der Schwukammer entlastet

 

Er fährt mit der Eisenbahn zu seiner Familie. Doch es ist ein ganz anderer Ort als der, den er während des Kriegs verlassen musste.

Am 13. Januar 1949 bekommt Engelbert Schöniger Post aus Gießen. Es ist ein Formblatt. Der Text: Auf Grund der Angaben in Ihrem Meldebogen sind Sie vom Gesetz zur Befreiung von Nationalsozialismus und Militarismus vom 5. März 1946 nicht betroffen.

Wie viel Einwohner, wie viel Aussiedler hat Heldenbergen? Wie ist die Unterkunft?

Engelbert Schöniger

Mit jenem Gesetz, auch Befreiungsgesetz genannt, übergab die amerikanische Militärregierung den Prozess der Entnazifizierung an deutsche Stellen. Von da an müssen in der US-Zone alle Deutschen über 18 Jahren einen Meldebogen ausfüllen, der von einer Spruchkammer überprüft wird. Diese stuft in eine von fünf Belastungskategorien ein: Hauptschuldige, Belastete, Minderbelastete, Mitläufer und Entlastete. Engelbert Schöniger ist entlastet.

 

Wie die Schönigers nach Wöllstadt kamen

 

Seine Kinder wachsen in Heldenbergen auf. Sein Sohn Kurt wird sich bald mit einem Jungen anfreunden, den er häufig besucht. Es ist der große Bruder von Edeltraud Zimmermann, die schon wenige Jahre später Schöniger mit Nachnamen heißen wird. Sie und ihr Mann bauen in Nieder-Wöllstadt. Die Schwiegereltern ziehen ins selbe Haus.

Edeltraud Schöniger lebt noch immer dort. Die Postkarten, die Bescheinigung über die Bearbeitung des Entnazifizierungsverfahrens – all diese Dokumente und Erinnerungsstücke bewahrt sie in einem Ordner auf.

 

Wunschort: Bayern

 

Auf einem der alten Zettel steht der Name ihres verstorbenen Mannes: Kurt Schöniger, Alter: 4 Jahre. Überschrieben ist der Zettel mit »Transportzettel für Evakuanten«. Jedes Familienmitglied bekam einen solchen Zettel, als sie ihre Heimat im Sudetenland verlassen mussten. In einer Zeile ist der Wunschort angegeben – wo sie hinevakuiert werden wollen. Bei allen steht Bayern. Dorthin sind die Schönigers nie gekommen. Zum Glück, sagt Edeltraud Schöniger. Wäre die Familie in den 40ern nicht nach Heldenbergen geschickt worden – sie und ihr Mann hätten sich nie getroffen. »Es ist interessant, wie es so geht im Leben.«

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