05. Juni 2018, 14:00 Uhr

JVA

Missbrauchsprozess: Viel Vertrauen und schwere Vorwürfe

Warum hat der katholische Seelsorger des Rockenberger Gefängnisses einem Häftling Geld überwiesen? Was ist dran an den Vorwürfen, dass der Mann Gefangene sexuell missbraucht haben soll?
05. Juni 2018, 14:00 Uhr
Foto: dpa

Stabil dissozial«, »faul«, »kaum führbar«, diese Persönlichkeitsbeschreibung findet man laut dem Vize-Leiter des Rockenberger Gefängnisses in der Akte eines jungen Mannes, der in den vergangenen Jahren gleich zwei Mal im Jugendknast einsaß. Der aus Tunesien stammende Mann beschuldigt den früheren katholischen Seelsorger der Einrichtung, ihn sexuell missbraucht zu haben. Zwei weitere Gefangene sollen laut Anklageschrift ebenfalls Opfer des Geistlichen geworden zu sein. Im Gegenzug sollen sie vom Kirchenmann Vergünstigungen erhalten haben. Die Taten sollen sich laut Anklage 2015 und 2016 ereignet haben.

Wenn man einem jugendlichen Gefangenen den Fernseher wegnimmt, beginnt die große Leere

Vize-Direktor der JVA

Auch am inzwischen vierten Prozesstag blieb der 54-jährige Angeklagte bei seiner Linie, äußerte sich nicht zu den Vorwürfen. Die Wahrheitsfindung am Friedberger Amtsgericht gestaltet sich in dieser Sache aber nicht nur deswegen schwierig. Sondern auch, weil immer wieder Zeugen – ehemalige Inhaftierte – nicht zu den Verhandlungen erscheinen. So auch am gestrigen Montag, als ein angebliches Opfer des Angeklagten erneut fernblieb. Und dass, obwohl die Polizei den Mann hatte vorführen wollen. In der vergangenen Woche war ein anderer Zeuge – auch er war von der Polizei daheim abgeholt worden – vor seiner Aussage kurzerhand durch das Fenster im Gerichtsflur gesprungen und geflohen. Und der Hauptbelastungszeuge aus Tunesien scheint über alle Berge.

 

Schlimme Strafe: Fernseher weg

 

Der stellvertretende Leiter des Jugendgefängnisses gab am Montag einen Einblick in das Leben hinter Gittern: So scheint das Thema Fernsehgeräte dort ein ganz eigenes und wichtiges zu sein. »Wenn man einem jugendlichen Gefangenen den Fernseher wegnimmt, dann beginnt die große Leere, das ist die schlimmste Strafe überhaupt«, berichtete der Zeuge. Fernseher hätten allerdings nur diejenigen Inhaftierten, die sich einen solchen leisten könnten. Es gebe noch einige Leihgeräte – ausgegeben würden sie vom Gefängnis selbst, vom Förderverein der JVA oder vom katholischen Seelsorger. Im Laufe des Verfahrens war auch klargeworden, dass Inhaftierte über das Büro des Seelsorgers telefonieren durften oder von dem Kirchenmann Tabak bekommen haben. Alles anscheinend gängige Praxis.

Das aus Tunesien stammende angebliche Opfer des Angeklagten soll laut Akten außerdem 40 Euro bekommen haben. Per Überweisung flatterte das Geld vom Bistum Mainz demnach auf das Konto des jungen Mannes. Verwendungszweck: CD-Player. Oberstaatsanwältin Yvonne Vockert wollte vom Zeugen wissen, ob solche Überweisungen normal seien und ob es dafür eine Erklärung gebe. »Dafür habe ich keine Erklärung.« Der Angeklagte habe bei den Bediensteten der Anstalt großes Vertrauen genossen. Darauf basiere der Arbeitsbereich der Seelsorge.

 

Erpressung und Schmuggel abgestritten

 

Nach bekanntwerden der Vorwürfe gegen den Geistlichen, war dieser ins Büro des Leiters der JVA gerufen worden. Auch der Stellvertreter des Direktors war anwesend, konnte sich bei seiner Zeugenaussage nun aber nicht mehr im Detail erinnern, über was gesprochen worden war. Was er noch wusste: Es habe von einem Gefangenen zuvor die Andeutung gegeben, der Seelsorger werde mit einem Tonbandmittschnitt erpresst. Der Angeklagte habe das allerdings im Gespräch an jenem Abend abgestritten, ebenso wie den Vorwurf, Handys und Drogen ins Gefängnis zu schmuggeln. »Zu den Angaben, dass er sexuelle Kontakte zu Gefangenen habe, äußerte er sich nicht dezidiert«, berichtete der Vize-Direktor im Zeugenstand.

Übrigens: Beim evangelischen Seelsorger der Haftanstalt scheint es für die Gefangenen keine Fernseher, dafür aber Gitarren zu geben. Und beim Imam, dem Seelsorger muslimischen Glaubens, gibt es anscheinend weder Tabak noch Fernsehgeräte oder anderes.

Der Prozess wird fortgesetzt.

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