Unvergessen sind die Titel der 80er Jahre, mit denen Ulla Meinecke ihre größten Erfolge feierte. Viele Gäste waren auf Einladung des Kulturkreises Altes Rathaus am Samstag ins Bürgerhaus gekommen, um in den Erinnerungen an diese Zeit ihrer Jugend zu schwelgen. Doch Meinecke überraschte sie mit einem Programm, das auch die frühen Jahre spiegelte, aber nicht in der Vergangenheit stehen geblieben ist.

Dabei ist sie sich jedoch treu geblieben. Das wurde schon beim ersten Titel »Geh mir aus dem Licht« aus dem Jahr 2002 deutlich. »Freunden Geld geliehen, Geld weg, Freunde auch«, beschreibt sie enttäuschte Beziehungen – »wer kennt das nicht?« Wichtig ist, sich davon nicht unterkriegen zu lassen. Die Figuren, von denen Meinecke erzählt, gehen aus solchen Enttäuschungen gestärkt hervor.

Verbotene Sätze

Zwischenmenschliche Beziehungen sind das Thema, das Meineckes Werk verbindet. »In den Betten, in den Gemächern, ist wesentlich mehr los, als man denkt«, beginnt sie zu erzählen. Von Fragen, die Stimmungskiller sind. » ›Woran denkst du gerade?‹ – Diese Frage steht auf der Liste der verbotenen Sätze ganz weit oben, gleich hinter ›Es hat nichts mit dir zu tun‹ «, stellt sie fest.« Mindestens ebenso verhängnisvoll sind Antworten wie: »An dich«: »Das ist der Moment, in dem die Katze das Zimmer verlässt.«

Diese Stimmung, wenn die Zweisamkeit unerträglich wird, beschrieb sie 1983 in »Süße Sünden«. Es ist das Erste von einigen frühen Stücken, die Meinecke in Ortenberg spielt. Doch verharrt sie nicht in Nostalgie, sondern präsentiert zusammen mit Reinmar Henschke am Keyboard und Ingo York als Multiinstrumentalist neue, außerordentlich gelungene Arrangements. So flicht sie in die »Süßen Sünden« eine Textzeile aus »Happy together« von den Turtles ein.

York und Henschke begeistern mit einer Coverversion von Pat Methenys »Minuano«. Das ist eine der Überraschungen, die den Auftritt des Trios von anderen Konzerten unterscheiden. Selten ist vorhersehbar, was als Nächstes passiert. Nachdem York leise Akkorde von »Free falling« anstimmt und Meinecke an den im vergangenen Jahr verstorbenen Tom Petty erinnert, brechen die Musiker die Erwartungen des Publikums, indem sie stattdessen das optimistische »Handle with care« der Travelling Wilburys anstimmen.

Ungewöhnlich sind auch der direkte Kontakt zum Publikum und die Zwischenmoderationen Meineckes. Darin gibt sie viel von ihrem Weltbild preis, etwa wenn sie bedauert, nicht im religiösen Sinne glauben zu können. Dann könnte sie sich als Hinduistin vorstellen, dass Björn Höcke als Bauernmädchen in Bangladesh wiedergeboren werde. »Mit mir zum Amazonas, sehr, sehr gerne«, erläutert sie, warum sie ihre Live-CD selbst vermarktet. »Mit mir zu Amazon – niemals.«

An diesen Stellen ist Meinecke im besten Sinne ein Relikt aus den 80ern, als man noch Überzeugungen hatte und diese auch öffentlich vertrat. Dass inzwischen andere Werte zählen, wird im Stück »Zu alt« deutlich. »Ihr denkt, ihr könnt hier so vor euch hinaltern«, spricht sie den Jugend- und Fitnesswahn an. »Bisschen Disziplin – aber natürlich mit Spaß. Straff und fit bis in die Kiste.« Da kann man sich schnell deplatziert fühlen, wenn man in Würde alt werden möchte. »Ich bin zu alt fürs Showgeschäft«, singt Meinecke, »ich bin zu alt für diese Bühne hier.«

Obwohl ihr Debüt, zu dem Udo Lindenberg sie ermutigte, 41 Jahre her ist, kann sie immer noch begeistern. Nein, Ulla Meinecke ist auch nach über vier Jahrzehnten auf der Bühne nicht zu alt. Ihre Konzerte und ihr Repertoire sind der Beweis.

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