30. August 2018, 08:00 Uhr

Pläne für neue L 3351

Landwirte protestieren: »Die klauen unser Land«

Die Bauern sind wütend. »Die klauen einfach unser Land«, sagt einer. Zwischen Fauerbach und Bruchenbrücken soll die Landesstraße ausgebaut werden – vermutlich auf wertvollen Äckern.
30. August 2018, 08:00 Uhr
Das Luftbild zeigt einen Teil der Landesstraße 3351 und den Ortsrand von Bruchenbrücken (unten). Der Bahntunnel (links oben) soll verlegt werden, die Straße könnte westlich an der Görbelheimer Mühle (Bildmitte) vorbeiführen. Dagegen protestieren die Landwirte. (Foto: Ernst Stadler)

Kurz hinter dem Bahntunnel rechts der Landesstraße haben die Bauern zwei Hänger aufgestellt. Auf den heruntergeklappten Bordwänden steht »Hessenmobil« und »Landraub«. Die Bauern zeigen, was sie von den Plänen für eine neue Straße halten: Nichts. »Die könnten doch einfach die alte Straße sanieren und den Radweg in die Felder östlich der Wetter verlegen.« Die Planungen sehen offenbar etwas anderes vor: Eine neue L 3351, die durch die Felder westlich der alten Trasse führt, welche dann zum Radweg unfunktioniert würde.

Der Usatal-Radweg bereitete dem Rathaus zuletzt Sorgen. Momentan endet er in Fauerbach in Höhe der Kläranlage. Wie er an Ossenheim und Bruchenbrücken vorbeigeführt werden soll, stand lange in den Sternen. Bis Hessen Mobil kam und verkündete, die Landesstraße werde ausgebaut und gleichzeitig ein Radweg angelegt. Das Rathaus war eine Sorge los, die Bauern horchten auf.

Große Höhenunterschiede

Von einem »Irrsinn« spricht einer der Landwirte. Hartmut Walther, Hugo Schultheiß, Wolfgang Müller, Klaus Blackert, Harald Friedewald und Jürgen Mörschel schütteln die Köpfe. Zwei Vermesser mit einem Nivelliergerät haben sie beobachtet, damit werden Höhenunterschiede gemessen. Die Höhenunterschiede seien hier groß, deutet einer der Bauern auf das in Wellenform daliegende Feld. »Die müssen Berge abtragen.« Direkt dahinter grenzt die Bahntrasse an. »Wird die Erde abgetragen, muss für die Bahn eine Stützmauer gebaut werden. Und die beiden S-Bahn-Gleise kommen in ein paar Jahren auch noch dazu. Noch mehr wertvolles Wetterauer Ackerland, das unwiederbringlich verloren geht.«

Noch hat Hessen Mobil die Grundstückseigentümer nicht über die Pläne informiert. Die Bauern sind schon jetzt skeptisch. »Für was wird die neue Straße gebraucht?«, will Hugo Schultheiß wissen. »Damit noch mehr Verkehr durch Bruchenbrücken Richtung Frankfurt fließt?« Spätestens im engen Ortskern sei der Verkehrskollaps vorprogrammiert. »Wir wollen nicht alles verhindern«, sagt Klaus Blackert. »Der S-Bahn-Ausbau ist angesichts des Klimawandels sinnvoll. Die neue Straße definitiv nicht.«

Hessen Mobil prüft verschiedene Varianten

Als Grund für die Baumaßnahme gibt Hessen Mobil die Verkehrssicherheit an. Die bisherige Straße verläuft direkt an der Görbelheimer Mühle vorbei. Der Bahntunnel mit Ampelschaltung müsse vergrößert werden. Soviel Hektar Land, wie die Bauern befürchten, gehe nicht verloren, sagt Hessen Mobil-Sprecherin Daniela Czirjak. Zahlen nennt sie keine, die Planungen seien noch nicht abgeschlossen. »Die Flächeninanspruchnahme ist eines der Hauptkriterien bei der Variantenbewertung.« Man werde genau prüfen, ob der Ausbau die Umwidmung der Flächen rechtfertige. Mehrere Varianten würden überprüft. Dazu gehöre »der Ausbau der bestehenden Straße genauso wie die Verlegung der Straße in Teilabschnitten nach Osten oder Westen«. Doch bereits heute zeichne sich ab, dass die Wetter und die dort bestehenden Schutzgebiete eine Verlegung in Richtung Osten verhinderten.

Bürgerversammlung im Herbst

Die Landesstraße ist 2,3 Kilometer lang. Bevor sie und der Radweg gebaut werden, sei ein Baurechtsverfahren notwendig, sagt die Hessen Mobil-Sprecherin. Wie im Falle des Radwegs von Fauerbach nach Dorheim plane man für den Herbst eine Bürgerversammlung, um die Pläne vorzustellen. Die Hinweise der Anlieger werde man prüfen. Ebenso wie den Vorschlag, den Radweg östlich der Wetter durch die Felder zu führen. Naturschutz- und Wasserbehörde hätten ihr Veto eingelegt, wegen fehlender Genehmigungsfähigkeit scheide diese Variante aus.

Landwirte aus Bruchenbrücken und Fauerbach kämpfen gegen »Landraub«.	(Fotos: Wagner)
Landwirte aus Bruchenbrücken und Fauerbach kämpfen gegen »Landraub«. (Fotos: Wagner)

»Im Bauleitverfahren werden wir für unsere Mitglieder die Stimme erheben«, kündigt Florian Dangel vom Regionalbauernverband an. »Jede Region braucht eine Infrastruktur. Aber dabei muss mit Augenmaß vorgegangen werden.« Das gelte insbesondere für die Wetterau, sagt Dangel: »Gerade in diesem Jahr mit der Hitzewelle zeigt sich, wie wertvoll der Wetterauer Löß-Boden ist. Der Vergleich mit den Kollegen in Nord- oder Ostdeutschland zeigt, dass wir noch einmal mit einem blauen Auge davongekommen sind.«

 

Infobox

Wertvoller Wetterauer Boden

In Deutschland gehen täglich 74 Hektar Ackerfläche für Städte- und Straßenbau verloren – weit mehr als 100 Fußballfelder. In Hessen sind es 3,5 Hektar pro Tag. In der Wetterau hat die landwirtschaftliche Nutzfläche laut Statistischem Landesamt von 61 000 Hektar (1991) auf 58 589 Hektar (2015) abgenommen, das sind 2411 Hektar weniger (gut und gerne 2500 Fußballplätze); Siedlungs- und Verkehrsflächen nahmen um etwa 1800 Hektar zu. Ein »Landfresser« war die B 3-Ortsumgehung Wöllstadt, für das geplante Rewe-Logistikzentrum in Wölfersheim werden 30 Hektar Ackerland benötigt. In der Wetterau gibt es fruchtbaren Lössboden. Das Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie schreibt: »Auf Löss entwickelten sich sehr ertragreiche Böden. Deshalb ist die Wetterau eine der fruchtbarsten Landschaften Deutschlands, die weitflächig intensiv landwirtschaftlich genutzt wird.« Zumindest dort, wo noch keine Straßen verlaufen und neue Industriegebiete entstehen. (jw)

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