09. Juli 2018, 20:02 Uhr

Kennt jeder, nur nicht so

09. Juli 2018, 20:02 Uhr
Das Mannheimer Harfenquartett zu Gast am Lindheimer Hexenturm – das Motto des Abends lautet »Musik, die jeder kennt – nur nicht so«. (Foto: im)

Es war nicht nur zauberhaft, wie man es von einem Harfenkonzert ohnehin erwarten kann: Das sommerliche Notturno am Lindheimer Hexenturm, zu dem die Altenstädter Gesellschaft für Geschichte und Kultur alljährlich in den Park der Villa Demandt einlädt, entpuppte sich diesmal als faszinierendes Lehrstück über die Vielseitigkeit eines meist auf die Romantik eingegrenzten Instrumentes. Unter den Händen des Mannheimer Harfenquartetts Johanna Jung (Leitung und Dirigat), Simon Foerster, Samira Memarzadeh und Tatjana von Sybel verwandelten sich vier repräsentative Konzertharfen abwechselnd in Gitarren und Violinen, klangen wie Cembali und Zithern, wie die dunklen Kontrabässe einer Jazzcombo oder – während eines Ragtimes von Scott Joplin – auch einmal absichtlich leicht verstimmt, wie ein in die Jahre gekommenes Saloon-Piano.

Die verheißungsvolle Vorgabe des Abends – »Musik, die jeder kennt – nur nicht so« – wurde auf diese Weise virtuos und zugleich erfrischend kreativ erfüllt. Herzlich begrüßt von Hausherr Ecke Demandt hatten sich 200 Besucher eingefunden – so viele wie noch nie aus diesem Anlass – um den vier jungen Musikern im traumhaften Ambiente am spätmittelalterlichen Hexenturm zu lauschen. Begleitet vom Gesang der Vögel, dem Murmeln des Seemenbachs und dem leichten Abendwind im Geäst der Parkbäume genoss man Klänge von Händel bis Gershwin, von Tschaikowski bis Kurt Weill, die sich mit den Naturklängen zu einer perfekten Sommer-Serenade vereinten.

Herbe Sinnlichkeit

Den Auftakt bildete Händels festlich-würdevoller, dabei dennoch leicht beschwingter »Einzug der Königin von Saba« aus dem Oratorium »Salomon«, gefolgt von Edvard Griegs »Morgenstimmung«. Taschaikowskis »Blumenwalzer« aus dem Ballett »Der Nussknacker« ließ das Ensemble wie ein Streicherorchester klingen – und das Publikum kaum merklich im Takt mitschwingen. Einfühlsam, mit leisem musikalischen Humor, zelebrierte Tatjana von Sybel das »Scherzetto für Harfe solo« von Jacques Ibert. Pachelbels Kanon in G-Dur entfaltete in einem eigens für das Mannheimer Harfenquartett arrangierten Satz ungeahnte Facetten, während das Piazolla-Stück »Adios nonino« herbe, leidenschaftliche Sinnlichkeit mit perkussiven Elementen, rhythmischen Akzenten und bewusst gesetzten Dissonanzen verkörperte. Den Abschluss vor der Pause schuf der Satz »Strauss goes West«, eine heitere Donauwalzer-Variation von Willi März. Der Münchner Komponist und Arrangeuer begleitet das Mannheimer Harfenquartett seit dessen Gründung im September 2017, wie Leiterin Johanna Jung erläuterte, und ist wesentlich für die große Bandbreite im Repertoire des Ensembles verantwortlich.

Die Musiker eröffneten den zweiten, zeitgenössisch orientierten Teil des Konzertes ebenfalls mit einer showtauglichen Komposition von Willi März, dem opulenten Song »Go ahead«, gefolgt von Scott Joplins urigem »Marple Leaf Rag«. Im Kontrast dazu stand der von Johanna Jung und Simon Foerster im Duo vorgetragene lyrische Satz »Parvis«, ein Werk des französischen Konzertharfenisten Bernard Andrès. Exquisit auch die »Meditation« von Samira Memarzadeh, eine Eigenkomposition der jungen Musikerin, die über ihren Vater mit dem Iran verbunden ist. Ihr an dieser Stelle geradezu magisches Spiel im Stil traditioneller persischer Musik kreiste, eingerahmt von würdevoll-getragenen Intro- und Schlusssequenzen, um einen zentralen Ton, der den Fokus konzentrierter Betrachtung symbolisierte. Ein erneuter rasanter Stilwechsel brachte Kurt Weills »Mäckie Messer« aus der Dreigroschenoper auf die Bühne, von den Zuhörern begeistert gefeiert und gleich noch einmal als Zugabe gefordert. Zum Ausklang stand es mit dem Rumba »Aquellos ojos verdes – Diese grünen Augen« von Nilo Mendez noch ein Ausflug nach Kuba auf dem Programm. Gershwins beschwingtes »I got rhythm« beschloss einen wundervollen Konzertabend, für den Hans-Erich Seum als Vorsitzender der Altenstädter Gesellschaft für Geschichte und Kultur den vier Musikern herzlich dankte.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Cembalo
  • Edvard Grieg
  • Gitarre
  • Harfenkonzerte
  • Kontrabass
  • Kurt Weill
  • Scott Joplin
  • Sinnlichkeit
  • Sommer (Jahreszeit)
  • Altenstadt
  • Inge Mueller
  • Lädt

    Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 1 + 1: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.