13. September 2016, 12:00 Uhr

Keine rosigen Zeiten Zahlen und Fakten

Für seine Rosen ist Steinfurth bekannt, auch außerhalb Deutschlands. Seit etwa drei Jahren hören jedoch immer wieder Rosenproduzenten auf. Es muss sogar außerhalb von Steinfurth, ja außerhalb der Wetterau produziert werden. Viele Geschäfte laufen derzeit schleppend und Besserung ist nicht in Sicht – dafür gibt es eine ganze Reihe von Gründen.
13. September 2016, 12:00 Uhr
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Die Arbeit eines Landwirts ist immer hart. Körperlich belastbar und zeitlich flexibel muss er sein. Der Beruf scheint weniger attraktiv zu sein als zahlreiche Alternativen. »Die meisten jungen Leute möchten heute nicht mehr in der Landwirtschaft arbeiten«, sagt Siegfried Karlin von der Rosen-Union. In den vergangenen Jahren sind viele Rosenproduzenten in Rente gegangen – ohne Nachfolger. Zur Genossenschaft gehörten zu Spitzenzeiten 78 Rosenbauern, jetzt sind es noch 14. Davon kommen nur noch acht aus Steinfurth, die anderen produzieren in Thüringen, Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen. Der Preisdruck ist hoch, das merke die ganze »Grüne Branche«, ausschließlich von Rosen könne im Moment kein Bauer leben.
»Seit zwei Jahren läuft das Geschäft mit den Rosen schlecht. Es kommt momentan alles zusammen«, sagt Karlin. 30 Prozent der Rosen seien immer nach Russland exportiert worden. Nach Russlands Importverbot für bestimmte Waren aus der Europäischen Union brach fast ein Drittel des Verkaufs weg. »Die Produzenten mussten die Rosen wegwerfen«, berichtet Karlin. Im gleichen Jahr ging eine deutsche Baumarktkette pleite. Auch das waren Abnehmer der Steinfurther Rosen – auch deswegen brach ein großer Teil des Verkaufs weg. »Zu der Zeit war es gut, dass einige Produzenten in Rente gegangen sind, sonst wäre die Überproduktion noch größer gewesen.« Zwischen 800 000 und einer Million Rosen wurden immer produziert, 400 000 mussten weggeworfen werden, weil es keine Abnehmer gab. Das Geld für die weggeworfenen Rosen fehlt den Produzenten jetzt. »Ein Rosenbauer hat zwei Jahre vor seiner Rente noch viel Geld verloren. Hätte er zwei Jahre eher aufgehört, würde es ihm jetzt finanziell besser gehen«, sagt Karlin. Die Rosenbauern produzieren zwei Jahre im Voraus, das mache eine genaue Planung schwierig. Das Problem betrifft allerdings nicht nur Steinfurth oder Hessen, sondern ganz Europa. Und nicht nur die Rosenbauern haben es schwer.
Große Aufträge von Städten haben auch nachgelassen. Zwischen 6000 und 8000 Euro verdiente die Rosen-Union jedes Jahr daran. 2015 seien es noch 2000 Euro, in diesem Jahr sogar nur noch 1200 Euro gewesen: »Nach Frankfurt ging dieses Jahr nur noch eine Schubkarre, im Vergleich zu den letzten Jahren. Die Allee-Baumschulen produzieren teilweise Brennholz. Viele Baumschulen geben die Rosenproduktion ganz auf«, erklärt Karlin. Das Geld werde für andere Dinge benötigt, da bleibe die Grünpflege auf der Strecke. Auch der milde Winter hat in den vergangenen beiden Jahren nicht positiv zum Verkauf beigetragen. »Eigentlich erfrieren die Rosen im Garten oder auf dem Balkon im Winter, die letzten beiden Jahre war es aber so warm, dass die meisten durchgekommen sind. Für die Kunden ist das natürlich schön, uns fehlt aber der Abverkauf«, sagt Karlin.
In diesem Jahr wurde die Rosenproduktion um 25 bis 30 Prozent zurückgefahren, auch 2015 hatte es schon einen Rückgang gegeben. Das erhöhe die Chance auf faire Preise für die Bauern. Thilo Hildebrandt und Manuela Dräger vom Rosenpark Dräger verkaufen fast ausschließlich an Privatkunden. »Ein Auf und Ab gibt es immer. Da kommt es zum Beispiel drauf an, wie der Winter war. Wir hatten schon bessere Jahre, aber beschweren können wir uns nicht«, sagt Hildebrandt. Die Probleme des Großhandels trifft sie nicht: »Die Rosen-Union und wir gehen ganz unterschiedliche Wege.« Die Rose stehe in Steinfurth immer noch im Mittelpunkt, und dass gleich vier große Rosenbetriebe auftreten, mache das Dorf für die Besucher so interessant: »Jeder verfolgt eine andere Strategie, ein anderes Gefühl, und bei einem der vier Anbieter wird jeder Kunde fündig.«

Onlinehandel nimmt zu

Die Familie baut selbst Rosen an, und dass die jüngeren Generationen diese harte Arbeit nicht gerne machen, wissen auch sie: »Wir sind ein Familienbetrieb, da müssen dann in den Sommerferien auch die Neunjährigen mitanpacken. Sie bekommen natürlich die einfachsten Aufgaben, viel Spaß haben sie daran aber nicht«, sagt Hildebrandt.
Die Genossenschaft der Rosen-Union entstand in den 60er Jahren. Steinfurther Rosenbetriebe schlossen sich zusammen, um gegen den Preisverfall anzukämpfen. »Die Bauern erzielen nicht mehr die Preise, die sie zum Leben brauchen. Wir müssen aus dem Tal rauskommen«, sagt Karlin. Der Onlinehandel habe sowohl bei der Rosen-Union als auch beim Rosenpark Dräger zugenommen. In zwei Jahren wird die Tradition des Rosenanbaus in Steinfurth 150 Jahre alt – darauf sind sie alle stolz. Am beliebtesten sind derzeit Duftrosen. Der Duft ist jedoch ein Anzeichen dafür, dass die Pflanze nicht gesund ist. Die meisten Rosen duften nicht mehr, weil sie gesund gezüchtet werden. Duft und Gesundheit schließen sich aus. Eine duftende Rose zu züchten, die auch gesund ist, ist schwierig. Schlecht lief es in den letzten Jahren für Rosen mit rosafarbenen Blüten, denn die Farbe war nicht modern. Die Rose ist das einzige Gehölz, das mehrmals im Jahr blühen kann. Eine Rosensorte zu produzieren, dauert zwei Jahre. 30 bis 35 Prozent der Ware ist dann jedoch Ausschuss. Die Zucht einer neuen Sorte dauert fünf bis sieben Jahre. Ob sie sich dann durchsetzt, ist eine Frage der Mode. (cfl) “ Nach Frankfurt ging dieses Jahr nur noch eine Schubkarre, im Vergleich zu den letzten Jahren „ Schon vor dem Ortsschild blüht es, die Rosen sind das Aushängeschild Steinfurths. Es gibt jedoch Produzenten, die mit Schwierigkeiten zu kämpfen haben. Die Gründe dafür sind zum Teil in der internationalen Politik zu finden. (Fotos: cfl)

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