19. Juni 2018, 11:16 Uhr

Urteil

JVA Rockenberg: Ex-Seelsorger wegen sexuellen Missbrauchs verurteilt

Das Amtsgericht Friedberg hat einen ehemaligen Seelsorger der JVA Rockenberg verurteilt. Ihm wurde sexueller Missbrauch an jugendlichen Häftlingen vorgeworfen.
19. Juni 2018, 11:16 Uhr
Missbrauch hinter Gittern: Ein ehemaliger Seelsorger der JVA Rockenberg ist verurteilt worden, weil er zwei Häftlinge sexuell missbraucht hat. Er nutzte aus, dass die Häftlinge auf seine Unterstützung durch Tabak oder Telefongespräche angewiesen waren. (Foto: nic)

Wegen fünf Fällen sexuellen Missbrauchs an jugendlichen Häftlingen musste sich ein ehemaliger Seelsorger der JVA Rockenberg vor Gericht verantworten. Richterin de Nève sah zwei Fälle als ausreichend bewiesen an. Am Montag verurteilte sie den Mann zu zehn Monaten Haft auf Bewährung.

Damit folgte die Richterin weder der Staatsanwältin, die für alle fünf Fälle meinte, ausreichend Beweise im Verlauf des Prozesses bekommen zu haben, noch der Verteidigerin des Angeklagten. Diese sah in den Aussagen der mutmaßlich Geschädigten so viele Widersprüche, dass kein ausreichender Tatnachweis zu führen sei. Sie gab auch zu bedenken, dass bei einer Verurteilung kein Seelsorger in einer JVA mehr riskieren könne, ohne Zeugen mit einem Häftling ein Gespräch zu führen.

 

Aussage gegen Aussage

Dieses für Sexualverfahren typische Problem prägte auch die Verhandlung gegen den ehemaligen Seelsorger. In der Regel gibt es keine weiteren Zeugen außer den an der vorgeworfenen Tat Beteiligten. So stehe Aussage gegen Aussage, erläuterte Richterin de Nève in ihrer Urteilsbegründung. Die Beweisführung müsse, um die Rechte des Angeklagten zu wahren, von der sogenannten Nullhypothese ausgehen. Dabei wird vorausgesetzt, dass die Anschuldigungen des mutmaßlichen Opfers falsch seien. Die Beweisaufnahme müsse so eindeutig belegen, dass ein vernünftiger Zweifel an der Schuld ausgeschlossen sei.

Hinsichtlich des mehrfachen Missbrauchs an einem Ex-Häftling, der in dem Verfahren auch als Nebenkläger geführt wurde, sah de Nève diesen Beweis nicht mit ausreichender Sicherheit erbracht. Zwar hatte der Zeuge in früheren Vernehmungen die schwersten Vorwürfe gegen den Angeklagten erhoben und mit seiner Aussage als Folge eines Erpressungsversuchs gegen den Seelsorger das Verfahren erst ins Rollen gebracht.

 

Mit Tabak und Telefonaten gelockt

Doch deutliche Widersprüche in dessen Aussagen, die im Prozess nicht aufgeklärt werden konnten, weil der angebliche Geschädigte an keinem Verhandlungstag anwesend war, erlaubten es de Nève nicht, die Verurteilung auf diese Vorwürfe zu stützen.

Keinen Zweifel hatte sie dagegen an den Vorwürfen zweier anderer ehemaliger Häftlinge gegen den Seelsorger. Dabei hatte es durchaus Mühe gekostet, den einen der beiden als Zeuge zu vernehmen. Nach mehreren erfolglosen Ladungen wurde er zwar schließlich von der Polizei vorgeführt, floh jedoch durch ein Fenster, bevor er ausgesagt hatte. Am folgenden Verhandlungstag schilderte er sehr detailliert und glaubwürdig seine Erlebnisse bei den Begegnungen mit dem Seelsorger in der JVA.

Der zweite ehemalige Häftling, der auch jetzt wieder eine Haftstrafe verbüßt, schilderte deutlich schwerere Übergriffe und behauptete, dass er nicht nur einmal, sondern viermal missbraucht worden sei. Trotz solcher und anderer Ungereimtheiten in dessen Aussage sah de Nève aber auch dessen Vorwürfe als ausreichend bewiesen an.

 

Schlaglicht auf die Lebensverhältnisse

Das Verfahren warf auch ein Schlaglicht auf die Lebensverhältnisse in der JVA, in der vor allem ausländische Häftlinge ohne familiäre Unterstützung auf die Hilfe des Seelsorgers durch Tabak oder Telefongespräche mit Angehörigen im Ausland angewiesen waren. »Diesen Umstand nutzte der Angeklagte aus, um sich bei von ihm angebotenen Einzelmeditationen den Gefangenen zu nähern«, beschrieb de Nève. Dabei sprach sie auch die ungewöhnlich großen Handlungsspielräume des Seelsorgers an.

Abweichend vom Antrag der Staatsanwältin, die ein Jahr und vier Monate Haft auf Bewährung gefordert hatte, verurteilte Richterin de Nève den früheren Seelsorger wegen der beiden erwiesenen Taten zu zehn Monaten Haftstrafe, die auf drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt wurden. Als Bewährungsauflagen muss er jeden Wohnsitzwechsel melden und eine Geldbuße von 3000 Euro an den Fliedner-Verein Rockenberg zahlen.

Info

Fliedner-Verein

Der Fliedner-Verein Rockenberg, an den der Seelsorger 3000 Euro zahlen muss, unterstützt Jugendliche in der JVA. Der »Hilfsverein für junge Straffällige« wurde 1950 gegründet und verfolgt das Ziel, die Kriminalität jugendlicher Straftäter durch »wirksame und sinnvolle Hilfen« zu bekämpfen, etwa durch Unterstützung bei der Aus- und Weiterbildung.

 

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