10. August 2018, 19:46 Uhr

54-Jähriger vor Gericht

Im Chat Kindesmissbrauch angekündigt

Nervenkitzel oder angekündigter Kindesmissbrauch? Diese Frage muss das Schöffengericht Büdingen klären. Angeklagt ist ein 54-Jähriger aus Nidda, der in einem Chat angekündigt haben soll, ein Kind zu missbrauchen. Nun versucht er, sich rauszureden.
10. August 2018, 19:46 Uhr
In einem Internetchat mit einer Frau soll ein 54-Jähriger aus Nidda angekündigt haben, ein Mädchen zu missbrauchen. Laut Anklage waren seine Worte eindeutig und brutal. Das sei »nur dummes Geschwätz« gewesen, sagt der Angeklagte. (Symbolfoto: dpa)

Unter Vorsitz von Richterin Barbara Lachmann hat am Donnerstag am Schöffengericht Büdingen der Prozess gegen einen 54-jährigen Mann aus Nidda begonnen. Ihm wird vorgeworfen, in einem Internetchat angekündigt zu haben, ein Kind zu missbrauchen. Der Angeklagte, ein hochgradiger Alkoholiker, behauptet, die Verabredung sei nur »dummes Geschwätz« gewesen.

Seit seiner Kindheit, als er den in der Region stationierten amerikanischen Soldaten Schnaps verkauft habe, sei er alkoholabhängig, erläuterte der Angeklagte seinen Lebensweg. Es ist – trotz der Prahlereien des Angeklagten, der auch schon einmal eine Computeranlage durch Handauflegen wieder zum Arbeiten gebracht haben will – die Geschichte eines Scheiterns. Seit zehn Jahren lebt er wieder bei seinen Eltern in Nidda, lässt sich bekochen und seine Wäsche waschen. Dafür gibt er einen Teil der Sozialleistungen ab. Die Tage verbringe er meistens im Bett mit Fernsehen. Früher habe er sich oft in Internetchats die Zeit vertrieben.

Einen Tag nach seinem Geburtstag im vergangenen Jahr tippte er in einem solchen Chat die Sätze in seinen Rechner, die ihn vor das Schöffengericht brachten. Eine Frau habe ihm in Aussicht gestellt, dass er sich an ihrer zehnjährigen Tochter sexuell vergehen könne. Auf die Nachfrage der Chat-Partnerin, was er mit dem Mädchen machen würde, wurde der Angeklagte eindeutig und brutal. Wenn sie sich wehren würde, würde er sie fesseln und sich maskieren. Denn das war ihm klar: »Ich will nicht in den Knast.«

Die Staatsanwältin ist überzeugt: »Der Angeklagte meinte seine Ankündigung ernst.« Schließlich habe er seiner Partnerin in dem Portal, das sich an Jugendliche richtet, aber offenbar auch oft von Pädophilen genutzt wird, seine Telefonnummer und Adresse genannt und ihr versprochen, die Fahrtkosten von Dortmund mit zu tragen.

»Das ist nur Gelaber gewesen«, versuchte der Angeklagte, seine Worte in dem Chat herunterzuspielen. Er habe sich in verschiedenen Chats bewegt und dabei die Vorstellungen seiner Partner bedient. »Das ist für mich völlig egal, ob es ein Schwuler ist, dann bin ich auch ein Schwuler. Wenn das eine Lesbe ist, bin ich auch eine Lesbe.« Doch pädophil sei er nicht. Auch zu realen Kontakten sei es nie gekommen. »Ich habe mich in den ganzen Jahren noch nie mit jemandem getroffen, ob das ein Erwachsener war oder Kinder.«

Auch mit der Chat-Partnerin in dem angeklagten Fall habe er sich nicht treffen wollen, behauptet er. »Deshalb habe ich gesagt, sie soll anrufen, bevor sie losfährt, damit ich das absagen kann.« Er beteuerte: »Ich habe noch nie irgendwelche Grenzen überschritten, ich bin zu 99 Prozent im Bett.« Das restliche eine Prozent seiner Lebenszeit verwende er für die Alkoholbeschaffung.

Gegen diese Darstellung spricht allerdings die Verurteilung in einem früheren Verfahren. Am Rande einer Feier hatte er, offenbar hochgradig betrunken, einen neunjährigen Jungen zum Oralverkehr aufgefordert.

Sein Anwalt versuchte, die Version, dass der Missbrauch nie ernsthaft geplant war, zu stützen. »Kein normaler Verbrecher, der vorhat, ein Kind zu missbrauchen, hätte seine Adresse und Telefonnummer angegeben.« Auch habe die Staatsanwaltschaft nicht belegt, dass das Kind, das der Angeklagte angeblich missbrauchen wollte, tatsächlich existiert. Nur dann könnten die Worte seines Mandanten strafbar sein.

Mehrmals weit über drei Promille

Während er über den Kindesmissbrauch chattete, will der Angeklagte deutlich mehr Alkohol getrunken haben als sonst. Blutalkoholwerte von weit über drei Promille wurden bei ihm wiederholt gemessen. An diesem Tag habe er zwei Flaschen Schnaps – eine als Geburtstagsgeschenk seiner Eltern – getrunken. Mehrere Therapien, um sich aus der Abhängigkeit zu lösen, waren gescheitert.

Wegen des Zusammenhangs der angeklagten wie auch der bereits verurteilten Tat mit Alkoholmissbrauch regte die Staatsanwältin eine psychiatrische Begutachtung an. Dabei solle neben der Frage der Schuldfähigkeit auch die stationäre Unterbringung in der Psychiatrie geprüft werden. Nach ausgiebiger Beratung mit den beiden Schöffen setzte Richterin Lachmann das Verfahren aus, bis dieses Gutachten erstellt ist.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Alkoholeinfluss
  • Angeklagt
  • Betrunkenheit
  • Chat
  • Kindesmissbrauch
  • Schwule
  • Staatsanwälte
  • Büdingen
  • Oliver Potengowski
  • Lädt

    Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 1 + 1: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.