20. Juli 2018, 08:00 Uhr

Leben im Turm

Hochzeit, Einzug, Sanierung

Seit über 40 Jahren lebt Dr. Harald Fischer nun auf dem Hofgut Wickstadt in dem historischen Pfortenturm. Es war nicht immer einfach, aber es war richtig.
20. Juli 2018, 08:00 Uhr
Die nie endenwollende Sanierung hat sich gelohnt – für Dr. Harald Fischer, der im alten Pfortenturm in Wickstadt lebt, und für alle, die vorbeikommen und den prächtigen Turm sehen. (Fotos: jwn)

Nach fast 50 Jahren mit fast durchgängigen Reparatur- und Umbauphasen ist bei dem mittelalterlichen Pfortenturm auf dem Hofgut Wickstadt immer noch kein Bauende abzusehen. Das zeigt zum einen der Fördervertrag der Deutschen Stiftung Denkmalschutz (DSD) über 100 000 Euro für die Restaurierung des historischen Wehrturms. Zum anderen zeigt es aber auch den unbändigen Idealismus des derzeitigen Besitzers und seit über 40 Jahren auch Bewohner des Turms, Dr. Harald Fischer. »Dieser Pfortenturm ist mittlerweile die Leidenschaft der ganzen Familie. Anders wäre das auch gar nicht zu machen gewesen«, schildert der ehemalige Friedberger Kinderarzt die Liebe zu seinem mittelalterlichen Turm, von dessen Art es nur noch zwei in Deutschland gebe.

 

Ein halbes Jahr überlegt

 

Dieser sogenannte Pfortenturm war einstmals ein Wehrspeicher des Hofguts Wickstadt, das unter Anleitung des Klosters Arnsburg im Mittelalter zum Wirtschaftshof und Sommersitz des Klosters ausgebaut wurde. Anfang des 19. Jahrhunderts gelangte die Anlage in den Besitz der Grafen zu Solms-Rödelheim und Assenheim, die auch heute noch Eigentümer des Guts sind.

Das übergroße Interesse an Historischem ist dem heutigen Turmbesitzer Fischer schon in die Wiege gelegt worden. Da sein Vater als Schulleiter der Augustinerschule in Friedberg Geschichtslehrer war und auch sein Großvater dieses Fach lehrte, war zu Jugendzeiten das Lesen das größte Hobby von Harald Fischer. Vor allem die Historie hatte es ihm angetan. So erklärt sich auch sein Interesse an dem Pfortenturm in Wicksadt, den er als 13-Jähriger ganz zufällig entdeckte. Trotz seiner Neigung hin zum Historischen wählte er nach dem Abitur aber nicht das Geschichtsstudium wie sein Vater oder Großvater, sondern das Medizinstudium. »Ich wollte herausfinden, warum die Menschen mit Kriegen immer wieder das zerstören, was sie zuvor mühsam geschaffen haben. Und wo fängt man da am besten mit der Forschung an. Natürlich bei den Kindern«, erklärt Fischer seine Entscheidung zugunsten der Medizin. Eine Antwort auf diese Frage hat er jedoch vermutlich bis heute nicht gefunden.

Als er nach seinem Studium und den ersten praktischen Erfahrungen in Krankenhäusern Anfang der 70er Jahre nach Friedberg zurückkehrte, um sich mit einer eigenen Kinderarztpraxis dort niederzulassen, bot ein Freund ihm den Turm mit danebenstehenden Gesindehaus als Wohngebäude an. »Ein halbes Jahr haben meine Frau Bärbel und ich hin und her überlegt, ob wir das Risiko eingehen und statt eines ordentlichen Hauses den halb verfallenen Turm wählen sollten«, erinnert sich Fischer. Als dann aber die Entscheidung gefallen war, habe die ganze Familie Feuer gefangen und nicht nur viel Zeit und noch mehr Geld in das historische Bauwerk gesteckt, sondern darüber hinaus auch noch viele Einschränkungen in Kauf genommen. »Wie oft mussten wir im Gesindehaus zusammenrücken, weil die Handwerker mal wieder den Turm innen komplett in Beschlag genommen hatten«, berichtet Ehefrau Bärbel. Die hatten bei ihren Arbeiten nicht nur den Kampf mit der Aufbereitung der historischen Substanz des Turmes zu bestehen, sondern auch noch den Auflagen der Behörden nachzukommen. So war beispielsweise Ende der 90er Jahre vonseiten des Denkmalschutzes angeordnet worden, die Sanierung des Fachwerks mit einer Acryltechnik durchzuführen. Ein riesiger Fehler, wie sich mittlerweile herausgestellt habe, denn nun faulten die Balken von innen. Deshalb müssen sie für einen mittleren sechsstelligen Betrag (mehrere Hunderttausend Euro) nun wieder ausgetauscht werden. »Ich will das so machen, dass der Turm auch noch einmal ein paar Hundert Jahre steht und dauerhaft erhalten bleibt«, gibt sich Fischer trotz seiner inzwischen 78 Jahre und seinen schlimmen Bau-Erfahrungen weiterhin kämpferisch.

Sein Engagement für das Kulturdenkmal hat sich offensichtlich nun sogar bis zum Landratsamt herumgesprochen. Denn von Landrat Jan Weckler (CDU) erhielt Fischer vor Kurzem aus den Mitteln des Denkmalschutzes 5000 Euro.

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