09. August 2018, 11:00 Uhr

Missbrauch

Gutachter prognostiziert hohe Rückfallquote

Im neuaufgelegten Prozess gegen einen Kinderschänder aus Ober-Mörlen versucht sich das Landgericht Gießen ein Bild von der Psyche des 53-Jährigen zu machen.
09. August 2018, 11:00 Uhr
Im neuaufgelegten Prozess gegen einen Kinderschänder aus Ober-Mörlen muss das Landgericht Gießen darüber entscheiden, ob der Mann nach seiner Haft auf freien Fuß kommt. (Foto: Julian Stratenschulte (dpa))

Ist der 53-jährige Ober-Mörler gemeingefährlich? Gehört er deshalb nach Absitzen seiner achtjährigen Haftstrafe für Kindesmissbrauch in 21 Fällen und dem Besitz von Kinderpornographie in Sicherungsverwahrung? Dies muss das Gießener Landgericht derzeit entscheiden – noch einmal, denn das der Bundesgerichtshof (BGH) hatte das Urteil von 2016 in einem Revisionsverfahren teilweise aufgehoben.

Die achtjährige Gefängnisstrafe blieb bestehen, die Begründung für die anschließende Sicherungsverwahrung war aber nicht ausreichend. Grundsätzlich hat das Gericht hier einen Ermessensspielraum. Der muss nach Ansicht des BGH jedoch sehr sorgfältig und nachvollziehbar begründet werden.

 

Während Bewährung wieder straffällig geworden

 

Zwar hatte der psychiatrische Gutachter im ersten Verfahren eine grundsätzliche Rückfallgefahr und damit eine andauernde Gemeingefährlichkeit des Angeklagten verneint, sofern er sich während der Haft einer Therapie unterzieht. Das Gießener Gericht war trotzdem zur Überzeugung gelangt, dass von dem 53-Jährigen eine besondere Gefahr ausgeht – schließlich war er noch in seiner Bewährungszeit aus einem früheren Missbrauchsfall straffällig geworden.

Nun versucht die 9. Strafkammer am Landgericht Gießen, sich ein Gesamtbild des Angeklagten zu verschaffen. Mit leiser Stimme, aber sehr selbstbewusst beantwortet der 53-Jährige Frage um Frage. Ob er sadistisch oder masochistisch veranlagt ist? Oder beides? Ob er die Bilder und Videos der von ihm missbrauchten Kinder zu seiner eigenen sexuellen Befriedigung gemacht hat oder »um Kohle zu machen«? Die Frage, die immer und immer wieder gestellt wird: »Wie stehen Sie heute zu Ihren Taten?«

 

»Wenig glaubhaft«

 

»Ich schäme mich, weil ich mich einfach unverantwortlich gegenüber den Kindern verhalten habe«, lautet stets seine Antwort. Gelegentlich hält er auch beide Hände vors Gesicht und reibt sich anschließend die Augen. Beispielsweise als es um sein Verhältnis zu der damals sechsjährigen Halbschwester seiner Ehefrau geht, mit der er den größten Teil der pornographischen Fotos angefertigt hat.

»Ich habe mit den ganzen Sachen aufgehört, als ich kurz vor dem ersten Geschlechtsverkehr mit ihr plötzlich das Gefühl in mir aufsteigen fühlte, sie sei meine eigene Tochter. Danach habe ich sie nie wieder angefasst oder mit ihr irgendwelche abartigen Fotos geschossen«, betont der Angeklagte vor Gericht.

Dass dies wenig glaubhaft ist, darauf macht ihn der Vorsitzende Richter Dr. Bergmann aufmerksam. »Sie haben doch weiterhin eindeutige Fotos ins Internet gestellt und mit ihren Chatpartnern eindeutige Kommentare ausgetauscht«, hält er dem 53-Jährigen vor. Er habe nur seinen Chatpartnern imponieren wollen, rechtfertigt sich der Angeklagte. »Doch tatsächlich wollte ich damit nichts mehr zu tun haben.« Oberstaatsanwalt Andreas May hat seine Zweifel: »Und warum haben sie dann die Fotos auf fünf USB-Sticks überspielt und diese dann versteckt?« Diese Frage bleibt unbeantwortet.

 

Entscheidendes Gutachten

 

Mitentscheidend für den Ausgang des neuaufgerollten Prozesses ist das neue Gutachten des psychiatrischen Sachverständigen Dr. Rolf Speyer. Er prognostiziert dem Angeklagten eine Rückfallquote von 70 bis 80 Prozent und zwar aufgrund der Tatsache, dass er zur Tatzeit bereits einschlägig vorbestraft war, dass die neuerlichen Taten bereits im Bewährungszeitraum erfolgten und dass er sich nicht selbstständig um eine Therapie gekümmert hat.

Dass der Angeklagte am Ende seiner Haft 58 Jahre alt sein wird, hält der Sachverständige nicht für einen Ausschlussgrund einer Sicherungsverwahrung. »Falls er sich aber einer mindestens drei Jahre dauernden Therapie unterziehen sollte, so ist eine vorzeitige Entlassung auch während der Sicherungsverwahrung durchaus möglich«, erklärt der Gutachter.

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