28. Juni 2018, 09:30 Uhr

Bewährungsstrafe

Gericht kann organisierten Autodiebstahl nicht nachweisen

Sieben Monate Untersuchungshaft wegen des Verdachts auf gewerblichen Bandendiebstahls hochwertiger Autos in der Region hat ein 36-jähriger Pole hinter sich. Jetzt ist er wieder auf freiem Fuß.
28. Juni 2018, 09:30 Uhr
Dass der angeklagte Autoknacker dem organisierten Verbrechen angehört, kann ihm nicht nachgeweisen werden. Deshalb hat er nun ein milderes Urteil erhalten. (Symbolfoto: dpa)

Den Urteilsspruch vorm Amtsgericht Friedberg nimmt der Pole mit Freudentränen entgegen. »Ich habe meine Familie so lange nicht mehr gesehen; meine jüngste Tochter hatte in der Zeit, wo ich hier im Gefängnis saß, Kommunion. Und ich konnte nicht dabei sein«, hatte er kurz vor der Beratung des Gerichts unter Tränen noch um Verzeihung gebeten. Nie wieder werde er eine derartige Dummheit machen. Dass er am Ende mit einem milden Urteil davongekommen ist, verdankt er juristischen Spitzfindigkeiten und seinem Anwalt.

Angeklagt war der dreifache Familienvater wegen gewerbsmäßigen Bandendiebstahls. Die Staatsanwaltschaft warf ihm vor, im Oktober und November vergangen Jahres am Diebstahl zweier Audi-Fahrzeuge beteiligt gewesen zu sein. Am 9. Oktober soll er einen in Niestetal bei Kassel entwendeten Audi A 4 Combi in Richtung Polen gefahren haben. In Dresden fiel das Fahrzeug einer Zivilstreife auf der Autobahn auf, weil es für die Gegend ungewöhnliche Kennzeichen aus Brandenburg trug. Als die Streife das Auto stoppen wollte, floh der Fahrer. Der Audi wurde sichergestellt, im Auto fanden die Ermitteler jede Menge DNA-Spuren des Fahrers.

Weil der Angeklagte nicht am Tatort erwischt worden war, leugnete er vor Gericht zunächst erst einmal jede Beteiligung an dem Diebstahl. Die zweite Tat, nämlich den Diebstahl eines 60 000 teuren Audi SQ 5, gestand er unumwunden. Dieses Fahrzeug war am 28. November 2017 in Ober-Mörlen verschwunden – und auch diesmal fiel der Wagen der Polizei auf: Auf der A 4 bei Dresden stutzen die Beamten, weil die Anfangsbuchstaben des Kennzeichen GG (Groß-Gerau) leicht versetzt waren. Ein ebenfalls gestohlenes Fahrzeug mit derselben Auffälligkeit hatte man erst eine Woche zuvor aus dem Verkehr gezogen. Auch hier wollte der Angeklagte fliehen – doch anders als im ersten Fall wurde er nach intensiver Suche in der Nähe des Autos aus einem Gebüsch gezogen.

Als die Polizeibeamten vor Gericht die Spurenlage und die vielen DNA-Anhaftungen erläuterten, räumte der Pole auf Anraten seines Anwaltes schließlich auch die Täterschaft im ersten Fall ein. Allerdings will er die Fahrzeuge weder selbst gestohlen haben noch einer Bande angehören.

Er sei in Polen arbeitslos geworden und nach Deutschland gekommen, um Arbeit zu suchen. In Frankfurt sei er von Landsleuten angesprochen worden, ob er nicht für 500 Euro ein Auto nach Polen fahren wollte. Das Angebot habe er angenommen. Er kenne aber weder die Leute, die ihn angesprochen haben, noch irgendwelche Hintermänner, wie ihm die Anklage unterstellt.

Die Polizisten hingegen sind sich sicher: Dahinter steckt eine professionell geführte Bande. »Einer späht aus und sucht die richtigen Fahrzeuge aus. Der Zweite bricht sie fachmännisch auf. Der Dritte fährt die Fahrer zu den gestohlenen Fahrzeugen, übergibt ihnen Geld zum Tanken und ein Handy, das sie aber erst auf der Autobahn anschalten dürfen. Das ist alles von vorne bis hinten durchorganisiert.« Für die Staatsanwaltschaft liegt der Fall deshalb auch klar. Zwei Jahre und acht Monate Gefängnis verlangte sie. Anders der Verteidiger des Polen. Er forderte eine Bestrafung wegen Hehlerei, weil seinem Mandanten nicht nachgewiesen werden könne, dass er an der genauen Absprache, Planung und Ausführung beteiligt war und sich verpflichtet habe, derartige Dienste auch in der Zukunft regelmäßig zu tun.

Dem schloss sich das Gericht an, allerdings unter dem Hinweis, dass es überzeugt sei, dass der Angeklagte mit einer Bande zusammengearbeitet habe. Nur beweisen könne man es ihm nicht. Also blieb es bei der Verurteilung zu lediglich einem Jahr Gefängnis auf Bewährung – entweder wegen Hehlerei oder wegen schweren Einbruchdiebstahls. Richterin Dr. Gerlinde Kimpel sagt: »Eines von beiden haben Sie auf jeden Fall begangen.«

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