05. September 2018, 08:00 Uhr

Barrierefrei oder nicht?

Friedberger Bushaltestellen im Hindernis-Test

Gehbehinderten und blinden Menschen sollte das Einsteigen in den Bus erleichtert werden. Ist das immer so? Helmut Diehl hat in Friedberg den Test gemacht. Eine Mammutaufgabe mit 92 Haltestellen.
05. September 2018, 08:00 Uhr
Helmut Diehl misst an der Bushaltestelle auf der westlichen Kaiserstraßenseite die Höhe der Bürgersteigkante. Dabei handelt es sich um eines von mehreren Kriterien, zu denen beispielsweise auch Leitsysteme für blinde Menschen gehören. (Foto: Loni Schuchardt)

Bis 2022 sollen alle Bushaltestellen barrierefrei gestaltet sein. So steht es in der am 1. Januar 2013 in Kraft getretenen Novelle des Personenbeförderungsgesetzes (PBefG), das auch neue Regelungen für die Schaffung eines barrierefreien öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) enthält. Der Sozialverband VdK kämpft seit Jahren mit seiner Kampagne »Weg mit den Barrieren!« für eine umfassende Barrierefreiheit, insbesondere im Straßenverkehr. »Die Kommunen werden hier verpflichtet, schrittweise bis 1. 1. 2022 die UN-Behindertenrechtskonvention umzusetzen und eine vollständige Barrierefreiheit zu erreichen«, schreibt Helmut Diehl, Vorsitzender des VdK-Ortsverbands Friedberg, in einem Brief, den er Ende Juli unter anderem an Bürgermeister Dirk Antkowiak, die Erste Stadträtin Marion Götz und Stadtverordnetenvorsteher Hendrik Hollender geschickt hat.

Eine Seite gut, die andere nicht

Im Anhang des Schreibens befindet sich eine umfassende Dokumentation über die Barrierefreiheit aller 92 Bushaltestellen in der Kernstadt und in den Stadtteilen. Diehl hatte zuvor innerhalb von gut vier Wochen sämtliche Haltestellen aufgesucht und auf ihre Barrierefreiheit hin untersucht. Mit dabei war Ehefrau Hanne, zugleich zweite Vorsitzende des Ortsverbandes. »Wir waren ausschließlich zu Fuß und mit dem Rad unterwegs«, sagt Diehl.

Das Ergebnis war für den VdK-Vorsitzenden alles andere als befriedigend: Nur 41 Haltepunkte sind der Höhe der Niederflurbusse angepasst und mit Leitsystemen für Blinde ausgestattet. Alle anderen 51 Haltepunkte müssten laut Diehl bis 2022 barrierefrei gestaltet werden. »Da gibt es noch viel zu tun.« Dazu gehört für den Vorsitzenden und seinen VdK nicht nur die Anpassung des Einstiegsbereichs in Höhe und Leitstreifen. »Beim erforderlichen Umbau sollte auch darauf geachtet werden, dass Fahrpläne von Rollifahrern und Kleinwüchsigen lesbar sind und dass sich auch Sehbehinderte oder Blinde informieren können. Das ist bisher nirgendwo der Fall«, kritisiert Diehl.

Die Bussteige am Bahnhof berücksichtigte er nicht, da die Mittel für den Bau des künftigen Zentralen Omnibus-Bahnhofs (ZOB) von der Stadtverordnetenversammlung bereits im Mai 2017 einstimmig bewilligt worden waren. Was bei Diehls Bestandsaufnahme auffällt: Sowohl in der Kernstadt, als auch in den Stadtteilen gibt es eine ganze Reihe von gegenüberliegenden Haltepunkten, von denen einer barrierefrei gestaltet worden ist, während man auf der gegenüberliegenden Seite die Bushaltestelle oft nur an Straßenmarkierung und Halteschild erkennt. Ein Beispiel für diese Diskrepanz sind die beiden Bushaltestellen vor der Burg. Die Haltestelle vor dem Modehaus Ruths ist barrierefrei gestaltet, wenn auch das Leitsystem für Blinde fehlt. Die Kante der Haltestelle sei 20 Zentimeter hoch, das passe, sagt Diehl. Ganz anders ist dies auf der Ostseite. Dort steht zwar eine Wartehalle, doch die Bürgersteigkante ist flach, und das Blindenleitsystem fehlt. »Die Fahrpläne und Informationen hängen viel zu hoch«, sagt Diehl, der für seine Dokumentation von den Adressaten seines Schreibens viel Lob erhalten hat.

Antkowiak kündigt Verbesserung an

»Der Magistrat ist von der ›Fleißarbeit‹ Diehls positiv überrascht«, sagt Bürgermeister Dirk Antkowiak, der sich erfreut zeigt, dass sich der Sozialverband so detailliert mit den aktuellen Zuständen der Bushaltestellen auseinandergesetzt hat. »Immerhin sind 45 Prozent der Bushaltestellen bereits für Niederflurbusse umgestaltet. Die restlichen werden sukzessive folgen«, kündigt Antkowiak an. Wie viele Haltestellen pro Jahr umgerüstet werden könnten, werde in den jeweiligen Haushaltsberatungen diskutiert.

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