Der vorletzte Tag des Prozesses gegen einen ehemaligen Seelsorger in der JVA Rockenberg, dem sexueller Missbrauch jugendlicher Häftlinge vorgeworfen wurde, stand im Zeichen der Plädoyers von Anklage und Verteidigung. Während letztere die Vorwürfe für nicht beweisbar hält, war die Staatsanwältin von der Schuld des Angeklagten überzeugt. Einig waren sich beide nur, dass die Beweislage in dem Verfahren extrem schwierig war.

Das Gericht habe sich »über lange Zeit sehr viel Mühe gemacht, die Taten aufzuklären«, stellte die Staatsanwältin fest. »Bei Sexualdelikten ist das immer eine anspruchsvolle Aufgabe.« Allerdings räumte sie ein, dass in diesem Verfahren besondere Schwierigkeiten dazu gekommen seien (siehe weiterer Artikel). Die Opfer seien keine »tadellosen Menschen«. Und: »Die JVA ist eine besondere Welt mit eigenen Regeln.«

In ihrem Plädoyer erläuterte sie, dass der Angeklagte auch durch seinen bisher tadellosen Lebenslauf eine besondere Vertrauensstellung bei den Mitarbeitern wie auch bei den Häftlingen der JVA gehabt habe. »Man hat gar nicht mehr hinterfragt, was er macht«, wunderte sie sich, dass es für Seelsorger offenbar keinerlei Kontrollen gebe. Dieses Vertrauen und die Kontakte mit den Häftlingen habe der Angeklagte genutzt, um seine sexuellen Bedürfnisse zu befriedigen. »Es war jedem bekannt, dass er homosexuell ist«, fasste sie entsprechende Aussagen des JVA-Personals zusammen.

Die Staatsanwältin führte aus, dass die Geschädigten einerseits wegen Vergünstigungen wie Telefonaten, Tabak oder ausgeliehenen Fernsehern und CD-Spielern, andererseits aber auch, weil sie dem Angeklagten einen großen Einfluss bis hin zu Abschiebeverfahren zuschrieben, seine Übergriffe duldeten. »Der Wunsch etwas zu bekommen war so stark, dass die alles über Bord geworfen haben, was eigentlich die Alarmglocken hätte läuten lassen müssen«, stellte sie fest.

An der Glaubwürdigkeit der Aussagen der ehemaligen Häftlinge hatte sie keinen Zweifel. Diese hätten keinen besonderen Belastungseifer gezeigt. Auch hätten sie an einem Strafverfahren gegen den Seelsorger kein Interesse. Stattdessen hätten einige den Plan entwickelt, ihn zu erpressen, damit »der nicht nur Tabak und Schokolade rausgibt, sondern mal richtig Drogen und Handys«. Sie forderte eine Freiheitsstrafe von einem Jahr und vier Monaten, die auf drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt werden sollte.

Widersprüche in Aussagen

Gänzlich anders bewertet die Anwältin des Angeklagten die Glaubwürdigkeit der Zeugen, die sie als »angebliche Geschädigte« bezeichnete. »Es gibt keinen Beweis, dass die Telefonate stattgefunden haben«, stellte sie die Vergünstigungen ebenso in Frage wie den Rahmen, in dem der Missbrauch stattgefunden haben soll. »Es gibt keinen Beweis, dass die Einzelmeditationen stattgefunden haben.« Ausführlich ging sie auf die ihrer Ansicht nach vorhandenen Widersprüche in den Zeugenaussagen ein. So habe der Hauptbelastungszeuge in zwei Vernehmungen behauptet, von dem Angeklagten mit beiden Händen berührt worden zu sein. Dieser hatte jedoch bereits als Kind seinen rechten Arm bei einem Unfall verloren. Auch dass ein anderer Häftling über Suizidversuche berichtete, wollte die Anwältin nicht gelten lassen. Die Förderpläne belegten, dass dieser auch in Haft Suizidversuche angedroht habe, um seine Interessen durchzusetzen. »Die Hauptverhandlung hat die Widersprüche nicht ausgeräumt, im Gegenteil sie wurden intensiviert«, sagte die Anwältin.

Sie vermutet hinter den Vorwürfen des Hauptbelastungszeugen, die das Verfahren ins Rollen brachten, dessen Sorge, dass er wegen des Erpressungsversuchs Schwierigkeiten bekommt und nicht wie geplant aus der Haft entlassen wird. Deshalb habe er den Seelsorger beschuldigt. Dass andere »angebliche Geschädigte« teilweise dazu passende Aussagen machten, erklärte sie durch Absprachen zwischen den Zeugen, die auch heute noch möglich seien. Das belegten Whats-App-Protokolle zwischen zwei Zeugen über deren Aussagestrategie. Die Anwältin beantragte Freispruch. Das Urteil wird voraussichtlich am Montag gesprochen.

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