06. Juni 2018, 20:43 Uhr

Erst Flucht, jetzt Aussage

06. Juni 2018, 20:43 Uhr
Im Rockenberger Jugendgefängnis soll ein Geistlicher drei Häftlinge sexuell missbraucht haben. (Symbolfoto: Nici Merz)

Mit einer Überraschung hat der sechste Verhandlungstag in dem Verfahren gegen einen Seelsorger begonnen, der des Missbrauchs jugendlicher Häftlinge in der JVA Rockenberg angeklagt ist. Der Zeuge, der sich seiner Vernehmung vor einer Woche durch die Flucht aus dem Fenster entzogen hatte, sagte nun bereitwillig aus. Weniger ergiebig war die Vernehmung eines Kriminalbeamten als Zeuge. Sie brachte vor allem Erkenntnisse über die Arbeitsweise des Polizisten.

Durch einen Sprung aus dem Erdgeschossfenster des Gerichts war der frühere Häftling letzte Woche geflohen – nach mehreren vergeblichen Ladungen durch die Polizei, weshalb er bereits zu einem Ordnungsgeld verdonnert worden war. Zuvor hatte der 21-Jährige noch trotzig angekündigt, dass er ohnehin nichts aussagen werde. Nun bot er vor Gericht ein gänzlich anderes Bild.

Zweimal pro Woche telefonieren

Freiwillig erschien er zur Verhandlung und schilderte seine Erlebnisse mit dem Seelsorger bei der Einzelmeditation, die er einmal genutzt hatte. Deutlich wurde dabei auch, welche wichtige Funktion der Seelsorger für die Häftlinge hatte. Im Gegensatz zu den Sozialarbeitern sei es bei dem Seelsorger am einfachsten gewesen, auch längere Gespräche mit Angehörigen zu führen, beschrieb der Zeuge. Teilweise zweimal pro Woche habe der Häftling, der zweimal in Rockenberg einsaß, bis zu 20 Minuten mit seiner Freundin oder der Familie telefoniert.

Bei der Einzelmeditation habe der Seelsorger Klopf- und Streichelbewegungen gemacht, wie sie auch andere Zeugen beschrieben hatten. Bereits am Oberbauch sei ihm das unangenehm gewesen, weil er kitzlig sei. Irritiert sei er gewesen, als der Seelsorger die Bewegungen im Intimbereich fortgesetzt und dabei wie zufällig seinen Penis über der Hose berührt habe. Daraufhin habe er sich aufgesetzt und gesagt, dass er das nicht möchte. Ein weiteres Angebot einer Einzelmeditation habe er abgelehnt, zitierte Richterin de Nève aus früheren Vernehmungen.

Er habe sich nicht von dem Seelsorger ausgenutzt gefühlt und die Berührungen durch diesen auch nicht als Gegenleistung für die Möglichkeit zu telefonieren gesehen, erklärte der frühere Häftling auf Nachfrage der Staatsanwältin. Der Seelsorger habe ihn auch in der Folgezeit telefonieren lassen. Er habe den Kontakt zu dem Seelsorger aufrechterhalten und sei wiederholt zu Gruppenmeditationen gegangen. Dabei sei der therapeutische Zweck für ihn weniger wichtig gewesen als die Abwechslung vom Alltag. »Um ehrlich zu sein, einfach nur um rauszukommen«, antwortete der Zeuge auf Nachfrage von Richterin de Nève.

Bei der Anhörung des Kriminalbeamten, der eines der angeblichen Opfer des Seelsorgers in der JVA Darmstadt-Eberstadt vernommen hatte, wunderte sich die Richterin über dessen Einschätzung der Sprachfähigkeiten des Häftlings. Denn im Gegensatz zum Gericht, das bei der Anhörung des Zeugen einen Dolmetscher hinzuzog, hatte der Kriminalbeamte darauf verzichtet. Er hätte jedoch einen Übersetzer geholt, »wenn er die Fragen nicht versteht oder sich nicht ausdrücken kann«, versicherte der Polizist.

Nachtragsanklage angekündigt

Ob die Verständigung tatsächlich reibungslos verlief, darf bezweifelt werden, nachdem die Richterin Passagen aus dem Vernehmungsprotokoll verlesen hatte. Ob der Seelsorger Andeutungen gemacht habe »hinsichtlich sexueller Praktiken«, hatte der Kriminalbeamte den Häftling in der JVA gefragt. »Ja er hat massiert gemacht«, gab er dessen wörtliche Antwort wieder.

Wie gut der Häftling die Fragen verstanden hatte und sich ausdrücken konnte, ist wichtig, um zu ermitteln, wie viele Übergriffe es bei diesem Zeugen gegeben hat. Während die Anklageschrift davon ausgeht, dass der Seelsorger einmal während einer Einzelmeditation an dessen Penis manipuliert hat, hatte der Zeuge vor Gericht erklärt, es habe vier solche Vorfälle gegeben. Die Staatsanwältin hat deshalb eine Nachtragsanklage angekündigt.

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