19. August 2018, 09:00 Uhr

Feldpost

Eine vertrauliche Bitte

Christine Leppins Vater hat kaum vom Krieg gesprochen. Doch es gibt noch einen Brief, der die Beienheimerin sehr berührt. Der Vater hat ihn geschrieben, weil er Angst um die Zukunft seines ungeborenen Kindes hatte.
19. August 2018, 09:00 Uhr

Feldpost

In unserer Feldpost-Serie veröffentlichen wir wöchentlich Auszüge aus Feldpostbriefen, erzählen die Geschichten dazu und welche Schicksale sich dahinter verbergen.

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Es gibt kaum Geschichten von damals, die erzählt worden sind. Christine Leppin kennt nur wenige. Zum Beispiel die mit der Perlenkette. Die Geschichte fängt damit an, dass Christine Leppins Mutter, Ingeborg Hohlfeld, in Chemnitz im Kino war. Irgendwann zur Zeit des Zweiten Weltkriegs in den frühen 1940ern. Der Film war zu Ende, die Mutter verließ das Kino und machte sich auf den Heimweg. Dabei wurde sie von einem Mann verfolgt. Karl Mahlein, ein bayerischer Soldat, der in Chemnitz stationiert war. Viele Jahre später erzählt Christine Leppins Mutter, dass der Mann damals der Perlenkette gefolgt ist. Weil Krieg war – und alles dunkel. »Nur die Perlenkette meiner Mutter hat geleuchtet.«

 

Brief an die Eltern der Frau

 

Die »Verfolgte« und der »Verfolger« heiraten noch während des Kriegs. Sie wird schwanger, bekommt einen Sohn, ihr Mann wird nach Frankreich versetzt. Von dort schreibt er einen Brief. Allerdings nicht an seine Frau, sondern an deren Eltern:

 

Ich bitte euch darum, daß Inge diesen Brief nicht zu sehen bekommt. Du, Hermann, warst ja selbst vier Jahre Soldat und weißt, dass im Krieg recht scharf geschossen wird.

 

Hermann ist Christine Leppins Großvater. In dem Brief heißt es:

 

Wir hatten vor einigen Tagen in der Abteilung sechs Tote und drei Verwundete. Obwohl ich nicht in die vorderste Stellung komme, kann ich jeden Tag einem Fliegerabwurf oder Artilleriebeschuss zum Opfer fallen. Es hofft ein jeder, daß er wieder gesund nach Hause kommt, aber Du weißt, ich denke vor allem an Inge. Ich weiß nicht, wie sie das zweite Mal einen solchen Verlust überstehen würde.

 

Karl Mahlein bezieht sich damit auf die Vergangenheit seiner Frau. Vor dem Lebensabschnitt, der mit der Perlenkette begonnen hat, war sie schon einmal verlobt. Ihr Verlobter fiel im Krieg.

 

Falls mir etwas zustoßen sollte, bemüht Euch bitte ganz besonders um sie, sonst wird sie darüber nicht hinwegkommen. Sollte ich mein Kind nicht sehen dürfen, so lege ich es Euch besonders ans Herz, denn Inge muss sich dann ihr Brot allein verdienen. Ich habe ja sonst keinen anderen, der dafür sorgen könnte.

 

Christine Leppins Vater kehrt aus dem Krieg zurück. Nach seiner Rückkehr in die Heimat in Bayern fährt er nach Chemnitz, um seine Frau zu holen. Dafür muss er in die sowjetische Besatzungszone. Inzwischen ist auch der Sohn geboren. Zu dritt ziehen sie nach Bayern, wo wenig später Tochter Christine zur Welt kommt.

 

Die Geschichte vom Milchtöpfchen

 

Heute lebt sie in Beienheim. Den Brief, den ihr Vater einst an seine Schwiegereltern geschrieben hat, bewahrt sie ebenso auf wie die Postkarten des Großvaters, die aus dem Ersten Weltkrieg stammen und die er aus Rumänien nach Chemnitz schickte.

Von den Kriegen, erzählt sie, hat keiner der Männer viel gesprochen. Weder der Vater noch der Großvater. Ein paar kleine Geschichten kennt sie dennoch. Die von der Perlenkette zum Beispiel. Oder die von dem Russen. Als der Krieg vorbei war, Chemnitz sowjetische Besatzungszone geworden ist und Christine Leppins Bruder noch ein Baby war, stand jeden Morgen ein Töpfchen Milch vor der Tür, außerdem lag dort ein Zuckerbrot. Einer der russischen Soldaten hat es dort für Mutter und Sohn hingestellt. »Er hatte sicher auch Kinder.«

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