07. September 2018, 08:00 Uhr

Streit um Schulmilch

Ein Bad Nauheimer Institut gerät in die Schusslinie

Seit Jahren wird gestritten, wie sich Zuckerkonsum auf die Gesundheit auswirkt. Wichtige Frage: Warum gibt es immer mehr dicke Kinder? In die Schusslinie geraten ist auch ein Institut in Bad Nauheim.
07. September 2018, 08:00 Uhr
Ginge es nach den Herstellern, müssten gesüßte Milchmixgetränke immer auf dem Stundenplan stehen. Verbraucherschützer sehen das ganz anders. (Fotos: dpa, nic, pv)

Vor Jahren war das Institut für Sporternährung wegen einer Auftragsstudie für die Lebensmittelindustrie angegriffen worden. Es ging um die »Milchschnitte« von Ferrero, die 2011 von der Verbraucherorganisation Foodwatch die Negativauszeichnung »Goldener Windbeutel« für den »frechsten Werbeschwindel des Jahres« erhielt. Basis der Reklame war nicht zuletzt die Untersuchung der Bad Nauheimer Ernährungswissenschaftler, die das Produkt trotz eines Zucker- und Fettgehalts von rund 60 Prozent als geeignet für Zwischenmahlzeiten empfahlen.

Etwa zur gleichen Zeit wurde der Verein, der heute Deutsches Institut für Sporternährung (DISE) heißt, für die Firma Tetra Pak tätig. Wieder ging es um ein gezuckertes Produkt, das Kinder anspricht: »Joe-Clever«-Schoko-Schulmilch. Durch einen »Spiegel«-Bericht gerät diese Studie jetzt in den Fokus.

 

Foodwatch findet Studie lachhaft

Die Untersuchung reicht ins Jahr 2010 zurück. Ergebnis: Der Schokomilch-konsum hebe den Intelligenzquotient (IQ) um sieben Punkte an. »Diese Aussage stammt von mir, dazu stehe ich«, sagt Ernährungswissenschaftler und DISE-Vorstandsmitglied Günter Wagner. Was der Laie unter IQ versteht, eine ständig vorhandene mentale Leistungsfähigkeit, ist allerdings nicht gemeint. Vielmehr geht es um »fluide Intelligenz«, eine kurzzeitige Leistungssteigerung. Botschaft: Schüler können den Unterricht hellwach verfolgen.

»Die Untersuchung und das Fazit sind geradezu lachhaft. Natürlich hat man eine bessere Konzentrationsfähigkeit, wenn man etwas im Magen hat – diesen banalen Effekt könnte man mit praktisch allen Lebensmitteln nachweisen«, kommentiert Foodwatch-Geschäftsführer Martin Rücker. Der mit dem Produktnamen »Joe Clever« sowie in Werbetexten suggerierte Eindruck, die Schulmilch mache schlauer, sei aufgeblasener Unsinn.

 

Zwei Testphasen

Das sieht Günter Wagner anders. Sein Verein hatte damals aus zehn Studenten eine homogene Probandengruppe gebildet. Wie Wagners Kollege Uwe Schröder erläutert, sei diesen Personen im Wechsel 50 Gramm Traubenzuckerlösung und 50 Gramm Zucker in Kakaoform verabreicht worden. Regelmäßige Blutanalysen zeigten, wie sich der »Glykämische Index« (GI) verändert. Er gibt an, wie und wie lange der aufgenommene Zucker den Blutzuckerspiegel beeinflusst. Wagner: »Nur wenn der GI für eine länger andauernde gleichmäßige Leistungssteigerung spricht, empfehlen wir Testphase zwei.«

In der Sportklinik ist auch das Deutsche Institut für Sporternährung untergebracht, das wegen einer Studie für die Lebensmittelindustrie erneut in die Schlagzeilen gerät.
In der Sportklinik ist auch das Deutsche Institut für Sporternährung untergebracht, das we...

Bei der Schokomilch sei das der Fall gewesen. Die Probanden absolvierten deshalb in gewissen Zeitabständen einen Intelligenztest. Sie hatten zuvor 200 Milliliter Kakao getrunken – oder eben nicht. »Es handelt sich um ein weltweit anerkanntes Standardverfahren«, sagt Schröder. Wagner zufolge hätten sich die Verarbeitungsgeschwindigkeit von Informationen oder die Merkfähigkeit dank Schokomilch-Genuss verbessert. Deshalb werde das Produkt vom Institut empfohlen.

Kritik des Bad Nauheimer Wirtschaftswissenschaftlers Prof. Walter Simon, eine wirkliche Studie existiere nicht oder werde geheim gehalten, weist Wagner zurück. »Wer die Genehmigung von Tetra Pak hat, kann die Studie einsehen.« Die Ergebnisse gingen ins Eigentum des Auftraggebers über. Seien sie für Werbung nicht geeignet, landeten sie oft in der Schublade.

 

Kritik an Subventionen

Der »Spiegel« schrieb am 24. August unter der Überschrift »Schmu mit Schokomilch« von zweifelhaften Belegen für die Wirkung von »Joe Clever« und von einem Beispiel für »fragwürdigen Umgang einer scheinbar seriösen Firma mit der Wissenschaft«. Im April hatte das Magazin die Titelstory »Süßes Gift – Wie die Zucker-Lobby uns belügt und verführt« veröffentlicht. Auch darin fanden »Joe Clever« und das Institut Erwähnung.

In die gleiche Kerbe haut Foodwatch. Laut Geschäftsführer Rücker ist der Zusammenhang von Zuckerkonsum und Übergewicht nachgewiesen. Verwerflich sei es, wenn gesüßte Schulmilch mit Steuergeld subventioniert werde, wie es in Hessen geschehe. Vermutlich nicht mehr lange, denn Verbraucherschutzministerin Priska Hinz kündigt den Ausstieg an. Aus Sicht Wagners ist das nicht nachvollziehbar: »Kinder trinken keine Vollmilch. Deshalb ist mir Kakao mit wenig Zucker lieber als Limonade mit viel Zucker.«

 

Info

Gesüßte Milch: Hinz wird aktiv

Vor gut zwei Jahrzehnten hat die EU ein Schulmilch-Förderprogramm aufgelegt, um dem rückläufigen Milchverbrauch von Kindern und Jugendlichen zu begegnen. Inzwischen will die EU laut Foodwatch nur noch ungesüßte Milch fördern. Vier deutsche Bundesländer, darunter Hessen, hätten jedoch eigens Ausnahmeregelungen geschaffen, um weiter auch gesüßte Milchprodukte zu fördern. »Das hat einen Fehlanreiz durch ein staatliches Förderprogramm zur Folge. Der Zusammenhang von zu hohem Zuckerkonsum und Übergewicht ist erwiesen«, sagt Foodwatch-Geschäftsführer Martin Rücker. In Deutschland erhalten die Produzenten 18,15 Cent pro Kilogramm Milch, in Hessen geht dieser Zuschuss auch an »Joe-Clever«-Produkte. Rücker begrüßt die Ankündigung von Hessens Verbraucherschutzministerin Priska Hinz, die künftig nur ungesüßte Schulmilch bezuschussen möchte. Endgültig entschieden hat das Land darüber allerdings noch nicht. Deutsche Schulen nehmen das EU-Programm ohnehin mehr schlecht als recht an. Auf EU-Ebene ist es nach Auskunft des europäischen Rechnungshofs ein Fehlschlag. (bk)

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