09. Juli 2018, 19:08 Uhr

Die glücklichsten Augenblicke meines Lebens

09. Juli 2018, 19:08 Uhr
Neue Strecke, neues Glück für Ironman-Streckenposten Udo Dickenberger: Die Sportler radeln diesmal auf der B 45 aus Kaichen heran. (Foto: udo)

. Zum 14. Mal wurde ich von der Rennleitung zum Streckenposten beim Ironman berufen. Diese Tätigkeit bereitet mir von früher Jugend an ungeteilte Freude. Am Straßenrand habe ich die glücklichsten Tage meines Lebens zugebracht. Seit aber ein neuer Sektorleiter eingesetzt wurde, ist alles noch viel besser geworden.

Es sind nun auf einmal mehr Snacks und Sprudelflaschen im Verpflegungsrucksack, den der Streckenposten von der Rennleitung erhält. Außerdem hat mich im vorigen Jahr der neue Sektionschef am Montag nach dem Ironman zum Besuch des Helferfests an der Eissporthalle eingeladen. Der verwitterte alte Sektionsrat, dieser hartherzige Menschenfeind, hat mich niemals dorthin mitgenommen.

Das Helfer-T-Shirt diente im Zelt als Eintrittskarte. Keiner von uns hatte jemals ein so großes und so schönes Zelt gesehen. Ich habe Messen im Petersdom mitgefeiert und bedeutende Gebirge bestiegen, doch das Zelt beeindruckte mich weit mehr.

Der Unterschied zwischen der Einsamkeit als Streckenposten und den fröhlichen Menschen im Zelt an der Halle überwältigte mich. Dort das dürftige Sandwich, hier die delikaten Speisen. Dort das Säuseln der Quelle und im Zelt die laute Musik.

Zunächst wurden die Sektorleiter und die Teamchefs geehrt und mit bezaubernden Rucksäcken voller Sixpacks versehen. Nun herrschte unter uns allen überschäumende Freude. Glück erfüllte das immense Zelt und strömte auf den überraschten Festplatz, auf den Ratsweg und auf die A 661. Eine solche Stimmung hatte ich noch nie erlebt.

Es waren die glücklichsten Augenblicke meines gesamten Lebens. Wir alle, die wir aus sämtlichen Himmelsrichtungen angereist waren, freuten uns, beieinander zu sein, und sangen, Kirschkuchenkrümel an den Mündern, fromme Lieder. Zauber lag in der Luft. Unbeschreibliche Momente reihten sich aneinander. Die Verzückung war nicht in Worte zu fassen.

Es gelingt mir heute noch nicht. Wir blickten einander in die Augen und fassten einander an den Händen. Die Freundschaften, die ich mit Streckenposten aus ganz Südhessen dort einging, werden in alle Ewigkeit bestehen. Dass ich dies erleben durfte, dachte ich immerzu und griff mir ans heftig pochende Herz. Im Rückblick muss ich sagen, dass ich Überschwang empfand wie niemals je zuvor.

Bei der sich anschließenden Tombola wurden Fan-Artikel ausgespielt, die ich nicht hätte haben wollen. Ich gewann aber einen beträchtlichen Rucksack. Er ist so schön, dass ich mit ihm in der Heimatgemeinde Aufsehen erregen werde.

Eine graziöse Dame fragte mich im Zelt, ob ich mit ihr den Tombola-Gewinn tauschen wolle. Da ich den Rucksack bereits von ganzem Herzen lieb gewonnen hatte, lehnte ich dieses Ansinnen aber ohne einen einzigen Augenblick nachzudenken ab. Ich fragte sie jedoch, was sie selber denn gewonnen habe.

Nichts, antwortete das dumme Trampel. Ein korpulenter Mann erhielt ein Shirt, auf dem Football-Spieler ihre Autogramme angebracht hatten, und fand einen Kameraden, der dafür eine Verwendung zu kennen vorgab. Eine Frau wurde mit einem riesigen Plakat beglückt, das mit Unterschriften der Triathleten versehen war. Es war so groß, dass sie nicht wusste, wie sie es heimschaffen sollte. Wollte sie das überhaupt? Rast- und ratlos lächelte sie unter Tränen, war verzweifelt und versuchte, das Beste aus der verfahrenen Sache zu machen. Im Vergleich dazu scheint die Eissporthalle winzig klein zu sein, riefen ihre Kameraden, denen Kuchenreste an den Mundwinkeln klebten.

Alles ist besser geworden

Nach all diesen Aufregungen bin ich froh, wieder an die Strecke zurückkehren zu dürfen. Weil die Streckenführung in diesem Jahr geändert werden musste, stehe ich erstmals nicht an der Landesstraße, die aus Burg-Gräfenrode kommt, sondern an der Bundesstraße aus Kaichen. Die Geräusche sind hier neu, auch die Aussichten. Es bleibt die zermürbende Einsamkeit. Von Kaichen ist nichts zu erkennen.

Ich denke an die früheren Wettbewerbe zurück. Der alte Sektionschef hat uns Helfer nicht zum Fest an der Eissporthalle geführt. Alles ist besser ohne das Reptil geworden. Wir sollen die Hoffnung nie aufgeben. Manchmal muss nur ein Sektorchef verschwinden, und das Leben scheint in neuen Farben auf. Ich habe sieben Päpste erlebt und fünf davon überlebt. Jeder begreift, was das bedeutet.

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