18. Juni 2018, 17:58 Uhr

Arnold hält nach

Die Sache mit dem Mindesthaltbarkeitsdatum

Autor, Poetry Slammer und Schauspieler Andreas Arnold schreibt in der WZ-Kolumne über seine Gedanken und Erfahrungen im Versuch, sein Leben nachhaltiger zu gestalten.
18. Juni 2018, 17:58 Uhr

Wenn ich in meinen Kühlschrank schaue, sehe ich darin … nichts. Ich nutze keinen. Insofern ist es nicht verwunderlich. Ich kenne jedoch einen, in dem man nach dem Öffnen ebenfalls nichts sieht. Die Lampe funktioniert. Das erkennt man an dem hilflosen Glimmen, das hinter diversen dicht gereihten Sahnepäckchen gerne zur vollen Entfaltung käme. Schaut man sich die Mindesthaltbarkeitsdaten (MHD) des Kühlguts an, stellt man fest, dass da jemand offensichtlich auch vor drei Jahren schon ein großer Liebhaber von Schmelzkäse mit Schinkengeschmack war.

Kürzlich hörte ich: »Bis zum MHD kann man alles essen, danach: Tot!« Das ist leider oft die Devise. Einmal im Jahr wird aufgeräumt, die Hälfte dessen, was im Kühlen auf seinen verdienten Verzehr gewartet hatte, dem Restmüll übereignet und so Platz geschaffen für Neueinkäufe, die den sodann zwangläufig in die weniger beleuchteten Ecken gedrängten Lebensmitteln eine ähnliche Zukunft bescheren.

 

Ein Garantie- und kein Verfallsdatum

 

Dabei ist das MHD doch nur ein Garantie- und kein Verfallsdatum. Wir können doch sensorisch testen. Hat es einen Pelz und schnurrt nicht beim Streicheln, wegwerfen! Riecht es komisch und geht auf sanftes Drängen nicht duschen, wegwerfen! Und zuletzt bleibt noch die Zunge zum Test. Bitzelt sie oder signalisiert auf andere Art, dass das Bäh! ist, dann wegwerfen. In den meisten Fällen wird man überrascht sein, was noch alles verzehrbar ist, obwohl das MHD länger zurückliegt als der eigene Geburtstag.

Wenn der WWF in seiner mittlerweile drei Jahre alten Studie »Das große Wegschmeißen« davon ausgeht, dass zehn der insgesamt achtzehn Millionen Tonnen Lebensmittelverluste vermeidbar sind, meint er – neben organisatorischen Veränderungen, die verhindern, dass sich das Licht im Kühlschrank überhaupt so stark verdunkeln kann – genau so etwas. 39 Prozent der Lebensmittel, die unnötig weggeworfen werden, gehen zulasten der Endverbraucher.

 

Was helfen unsere Reste?

 

In Anbetracht einer knappen Milliarde Hungernder weltweit, kann ich es nur traurig nennen, dass hierzulande die Hälfte der produzierten Lebensmittel auf dem Müll landet. Insbesondere wenn man bedenkt, dass ein Viertel der weltweit weggeworfenen Lebensmittel in der Lage wäre, den Welthunger sofort zu beenden. Meiner Mutter sagte ich als Kind nach der x-ten Ermahnung, dass ich nicht aufäße, während die Kinder in Afrika hungerten, dass sie meine Reste gerne nach dort senden könne. Half nichts: Ich musste trotz fehlender Paketmarken aufessen.

Dennoch ist natürlich etwas Wahres dran. Was helfen unsere Reste? Die Frage ist, wie können wir Reste vermeiden? Durch ein Einkaufverhalten, das keine Reste produziert! Was nicht gekauft wird, muss nicht hergestellt werden. Und in Anbetracht der Tatsache, dass Europa bereits zu 40 Prozent Lebensmittel bezieht, die nicht auf europäischem Boden wachsen, lässt sich folgendes schließen: Vielleicht stehen die Böden dann wieder den Hungernden zur Verfügung. Weitere 19 Prozent entstehen beim Großverbraucher, was ich als Appell verstehe, im Restaurant keine Reste zu lassen oder sie zumindest mitzunehmen. Gut, wer mich kennt – ich bin als Buffetfräse gefürchtet –, weiß, dass ich dem Motto: »Keine Gefangenen!« folge, wenn es um Essen geht.

Der Rest steht in der Verantwortung von Produktion und Handel (Ernte-, Nachernte- und Prozessverluste sowie Verteilungsverluste im Groß- und Einzelhandel). Dass da weniger verkommt, dafür sorgen »Die Tafeln« oder Organisationen wie »Foodsharing«. Letztgenannte finden sich in der Wetterau noch nicht. Aber wer weiß, vielleicht finden sich ja ambitionierte Foodsaver nach dem Lesen der Kolumne.

*

Autor, Poetry Slammer und Schauspieler Andreas Arnold schreibt in der WZ-Kolumne »Arnold hält nach« über seine Gedanken und Erfahrungen im Versuch, sein Leben nachhaltiger zu gestalten. Seit 2013 schreibt er dazu auch in seinem Blog »Plastic Diary«, unter www.plastic-diary.andreas-arnold.net oder www.facebook.com Die Blog-Beiträge sind auch unter andreas-arnold.net zu finden.

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