02. Juli 2018, 21:37 Uhr

»Die Häftlinge mussten bis zur Erschöpfung schuften«

02. Juli 2018, 21:37 Uhr
Zeitzeugen: Tadeusz Kowalski (l.) und Boguslaw Rygiel (Mitte) sowie Bogdan Bartnikowski (2. v. r.) während des Vortrags. (pv)

»Der Transport bestand aus etwa 5000 Personen, die einer ungewissen Zukunft entgegenfuhren.« Es war so still im Raum, dass man die sprichwörtliche Nadel hätte fallen hören können – wenn sie denn gefallen wäre. Aber nichts lenkte ab von den Schrecken, von denen Bogdan Bartnikowski erzählte. Zusammen mit zwei weiteren Zeitzeugen aus Polen besuchte der 86-Jährige kürzlich die Limesschule, um mehr als 100 Schülern der gymnasialen Oberstufe das schlimmste Kapitel der deutschen Geschichte näherzubringen.

In eindringlichen Worten stellte er seinen Weg dar, der ihn mit 12 Jahren 1944 ins KZ Auschwitz-Birkenau führte. Für den Jugendlichen waren bei der Ankunft die rauchenden Schlote der Krematorien und der Gestank verbrannter Menschenkörper ein Schock. Einige »mehr wissende Menschen« fürchteten um ihr Leben.

Jeden Morgen mussten die Gefangenen zum Appell antreten. Bis zu drei Stunden wurden die Häftlinge gezählt und grundlos misshandelt, schilderte Bartnikowski. Es ist eine von vielen Erinnerungen aus der Zeit des Nationalsozialismus, die dem 86-Jährigen im Gedächtnis geblieben sind. Nach einiger Zeit in Auschwitz wurde er nach Sachsenhausen verlegt.

Auch Boguslaw Rygiel (85) gehörte zur Delegation, die den Jugendlichen aus ihrem Leben erzählte. Der Pole war elf Jahre alt, als seine Jugend endete. Er wurde ebenfalls aus Warschau nach Auschwitz-Birkenau gebracht. Ruhig erzählte er den Schülern, was er während der Zeit des Nationalsozialismus an Leid, Gewalt und Demütigungen erfuhr. Dauernd waren sie der Willkür der sadistischen Aufseher ausgesetzt, berichtete der Zeitzeuge, »die uns auf alle nur denkbaren Arten quälten«. Dass er als Kind den Alltag im Lager überhaupt überstehen konnte, habe er dem Zusammenhalt der Häftlinge zu verdanken. »Wir haben uns gegenseitig gestützt.«

Dann erzählte Tadeusz Kowalski (92). Im September 1944 wurde er bei einer Razzia in seiner besetzten Heimatstadt verhaftet und nach Auschwitz deportiert. Kurze Zeit später wurde er nach Buchenwald ins Stammlager gebracht, wo er Zwangsarbeit leisten musste. »Die Häftlinge mussten in 15-Stunden-Schichten, ständig vom SS-Personal schikaniert und ohne ausreichende Nahrung bis zur totalen Erschöpfung schuften«, erinnerte sich Kowalski. Mit prägnanten Details schaffte es der NS-Zeitzeuge, die Ereignisse aus der damaligen Zeit – ohne Fotos und Bildmaterial – äußerst lebendig zu schildern. Die Oberstufenschüler zeigten sich von seinen Ausführungen tief beeindruckt. »Schilderungen wie diese bleiben uns allen wahrscheinlich für immer in Erinnerung«, sagte der 17-jährige Nico Bauer.

Nach den Berichten der Zeitzeugen konnten die Schüler Fragen stellen. Ob sie überlegt hatten, aus dem Lager zu fliehen, war eine der Fragen an die drei Männer. Heftiges, fast synchrones Kopfschütteln. Ausgeschlossen, so der Tenor. Die Jugendlichen wollten außerdem wissen, ob sie noch Hass auf Deutschland hegten – dies wurde verneint. »Es waren Menschen, die uns das angetan haben. Dies hat nichts mit der Nationalität zu tun.«

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