03. August 2018, 20:28 Uhr

Der Letzte einer aussterbenden Zunft

03. August 2018, 20:28 Uhr
Edwin Krückl (Mitte) bei seiner offiziellen Verabschiedung in der Werkshalle der Schreinerei und Möbelhandlung Hubl & Hubl in Nieder-Mockstadt. Links von ihm Firmenchef Armin Hubl, rechts dessen Sohn und designierter Nachfolger Till Hubl.

Jeden Morgen radelte der 14-jährige Edwin Krückl von seinem Elternhaus in Weckesheim los. Eine Viertelstunde später fuhr er bei Hubl und Hubl vor und trat seinen Dienst an. Am 1. August 1969 begann der junge Edwin seine Ausbildung in der Schreinerei, die damals noch in Reichelsheim produzierte. Eingestellt hatte ihn Oskar Hubl, Schreinermeister und Firmeninhaber in der sechsten Generation, sein Ausbildungsmeister war Rudolf Lamer. Krückls heutiger Chef, Armin Hubl, spielte zu dieser Zeit noch als kleiner Bub in der Werkstatt und baute Türme aus übriggebliebenen Holzklötzchen und Leisten.

Dieser Tage war es an ihm, Krückl als getreuen Altgesellen zu verabschieden. »Mit ihm verlässt einer der Letzten einer aussterbenden Zunft unsere Firma«, sagte Hubl. »Edi kann bis heute mit Handhobel, Stemmeisen und Gestellsäge umgehen, aber auch mit den modernen, computergesteuerten Maschinen. Dem technischen Fortschritt hat er sich nie widersetzt.«

Elektriker war Traumberuf

Auch den wachsenden Anforderungen an Organisation, Logistik und Personaleinsatz zeigte er sich gewachsen, behielt unter anderem in Miami sowie an den Flughäfen in Moskau und München stets den Überblick. 21 Jahre lang gehörte er unter Oskar Hubl, 28 Jahre unter Leitung von Armin Hubl und für einige Tage auch unter dessen Sohn und designiertem Nachfolger, Till Hubl, zum Unternehmen. Eine derartige Betriebstreue sei selten in der heutigen Zeit, so der Firmeninhaber, dessen Familienunternehmen einst aus einem Mühlenbetrieb im Sudentenland des 18. Jahrhunderts hervorging und heute im Gewerbegebiet Nieder-Mockstadt ansässig ist. Bei Hubl und Hubl habe die lange Firmenzugehörigkeit Tradition. Krückl breche allerdings alle internen Rekorde. Er überholte seinen Bruders Günther Krückl (40 Jahre Betriebszugehörigkeit), ebenso Günther Glaub (46 Jahre) und Johann Reinelt (48 Jahre).

Krückl erblickte als jüngster von sechs Brüdern das Licht der Welt in Melbach, seiner Familie stammte ursprünglich aus dem Bayerischen Wald. Sein Vater arbeitete als Bergmann zunächst in Weckesheim, dann in der Wölfersheimer Hefrag. Dem jungen Edwin schwebte eigentlich der Beruf des Elektrikers als Traumziel vor – daraus wurde aber nichts.

Sein Bestreben, eigene Ideen zu verwirklichen, brachte ihn jedoch zur Schreinerei. »Mein junger Kollege in der Ausbildung war Günther Glaub, unsere gemeinsame Aufgabe an meinem ersten Arbeitstag bestand darin, Lattenroste für Regale im Frachthof des Frankfurter Flughafens herzustellen«, erinnert sich der frischgebackene Pensionär. Sein Gesellenstück, ein Schreibtisch, steht noch heute in seinem Haus in Weckesheim.

Krückl ist mit Betina Krückl, geborene Piee, verheiratet. Das Paar hat zwei Söhne, Sebastian und Christian, auch ein Enkel zählt zur Familie. Führten ihn Aufträge zu Beginn noch durch die Heimat, war er später auch international unterwegs.

Wertschätzung und gutes Klima

Sein erstes selbstständig geleitetes Projekt war die Ausstattung eines Wickelraumes am Frankfurter Flughafen – und auch einer der letzten Aufträge betrifft einen Airport, nämlich den Flughafen München. Hier wird Krückl nach seiner Pensionierung noch als Aushilfe tätig sein – für ihn und seinen Chef Armin Hubl ein Segen, wie beide betonen.

Wertschätzung und das gute Betriebsklima hätten ihn so lange in einem einzigen Unternehmen gehalten, bekundet Krückl. Auch die Toleranz der Firmenleitung gegenüber seinem Einsatz als Bereichsleiter, Vorsitzender und Ausbilder beim Deutschen Roten Kreuz in Reichelsheim und seinen Hobbys, wie dem Fußball beim KSV Weckesheim, dem Fahrradfahren, dem Einsatz als »Küchenbulle« in den Zeltlagern des DRK und der Jugendfeuerwehr Reichelsheim. Er habe seine Entscheidung für Hubl und Hubl nicht einen einzigen Tag lang bereut, sagt Krückl.

Was fehlt, ist eine Anekdote aus den 49 Jahren. Diese gibt Armin Hubl zum Besten. »Während seiner ersten Jahre war Edwin ein junger Revoluzzer, der darauf bestand, sein Haar schulterlang zu tragen. Oskar Hubl hat sich trotz Haarnetz niemals mit diesem Aufzug abfinden können.« Das wird Krückl verschmerzen können.

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