11. September 2018, 20:12 Uhr

Der Kampf mit den Buchstaben

Wer nicht richtig lesen oder schreiben kann, hat es schwer. Im Alltag, im Beruf, beim Einkaufen und vielleicht auch im Freundeskreis, wenn dieser kein Verständnis zeigt. Unangenehme Situationen können dazu führen, dass sich Betroffene abkapseln. In Bad Nauheim gibt es ein Projekt des Mütter- und Familienzentrums, das diesen Menschen helfen soll.
11. September 2018, 20:12 Uhr
Lerntrainerin Inka Kamradt (l.) geht gezielt auf die Bedürfnisse derjenigen ein, die lernen möchten. Der Kurs richtet sich an Menschen mit deutscher Muttersprache. (Foto: pv)

In Deutschland können 7,5 Millionen Erwachsene nicht richtig lesen und schreiben. Zwölf Prozent der Berufstätigen gehören zu diesen funktionalen Analphabeten, weltweit sind es 750 Millionen Menschen. Um an die Analphabetismusproblematik zu erinnern, hat die UNESCO den Weltalphabetisierungstag ins Leben gerufen. Am 8. September fand er zum 52. Mal statt. Die Bundesregierung fördert dazu Projekte, die Betroffenen im Job und im Alltag helfen sollen. Auch das Mütter- und Familienzentrum (Müfaz) Bad Nauheim hat ein Angebot: Den Kurs »Deutsch (besser) lesen und schreiben« für Erwachsene. Lerntrainerin Inka Kamradt erläutert, worum es genau geht.

Zielgruppe sind Menschen mit deutscher Muttersprache, die Lesen und Schreiben nicht oder nur teilweise gelernt haben – oder die vielleicht aus der Übung sind. Bei dem Konzept kommen weder Tests noch klassische Schulaufgaben zum Einsatz. »Das Interesse am Lesen, Schreiben und der Sprache selbst soll entwickelt werden«, erklärt Kamradt. Dank der Eigenmotivation lassen sich hier Fortschritte erzielen, mit ansprechenden Übungsmaterialien wie leichten Texten und Computerprogrammen für zu Hause. Es gehe um »Hilfe zur Selbsthilfe«. »Die Menschen werden dort gefördert, wo es wichtig ist.«

Zunächst bespricht die Legasthenie- und Dyskalkulietrainerin die Schwierigkeiten jedes Einzelnen, dazu findet eine Analyse durch Beobachtung statt. »Was kann derjenige bereits, was möchte er verbessern?« Der Betroffene könne seine Fragen ins Gespräch einbringen, ganz individuell werde dann ein persönliches Konzept umgesetzt, das sich mit Stärken und Schwächen auseinandersetze. »Im Gruppenangebot gibt es da auch keine Einstufungen«, sagt die Lerntrainerin.

Allgemein ist die Hemmschwelle der betroffenen Menschen hoch. Oft fehlt im Alltag die Akzeptanz anderer, schnell wird ein Mensch mit Lernschwäche stigmatisiert. »Das kann dann zu einer Isolation führen und negative Gefühle auslösen«, weiß Kamradt. Wenn sie von ihren Aufgaben erzähle, werde auch sie gefragt, wie es möglich sein könne, dass jemand in Deutschland nicht richtig lesen oder schreiben könne. »Dahinterstecken ganz unterschiedliche Probleme und Schicksalsschläge.« Oft hätten Betroffene bereits in der Schulzeit gelernt, die Lernmethoden zu umgehen. Je mehr Zeit vergehe, umso schwieriger werde es schließlich. Erwachsene entwickelten dann oft Strategien, damit das Problem beim Einkaufen, im Familien- und Freundeskreis oder am Arbeitsplatz nicht auffalle. Sie bräuchten daher viel Mut, um sich zu offenbaren.

Ein Einstieg in den Kurs ist jederzeit möglich. Außerdem können Betroffene gerne zunächst Kontakt aufnehmen und sich informieren. Inka Kamradt ist dienstags und mittwochs zwischen 16.30 und 18 Uhr im Müfaz (1. Obergeschoss, Sprachraum) vor Ort erreichbar. Parallel bietet sie den Spielenachmittag »Wir rechnen uns fit – Grundrechenarten spielerisch verstehen und vertiefen für Groß und Klein!« für Kinder und Erwachsene mit Rechenschwierigkeiten an. Der Spielenachmittag ist ein offener Treff, in den man jederzeit einsteigen kann. Beide Angebote sind kostenlos; um Spenden wird gebeten. Anmeldungen nimmt das Müfaz unter Tel. 0 60 32/3 12 33 oder per E-Mail an info@muefaz.de entgegen.

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