06. Mai 2018, 14:00 Uhr

Heimatforscher warnen

Dauernheimer Kirchberg: Sorgen um ein Juwel

Der Dauernheimer Kirchberg ist für seine Felsenkeller berühmt. Doch die Steine bröckeln. Anwohner und Heimatforscher warnen: Es besteht dringender Handlungsbedarf.
06. Mai 2018, 14:00 Uhr
Bürgermeisterin Cäcilia Reichert-Dietzel und die Bauamtsmitarbeiter Karl-Heinz Hoppe (l.), und Udo Schädel vor einem Felsenkeller am gesperrten Stück der Kreuzpforte: Reichert-Dietzel legt ihre Hand in eine der tiefen Fugen, die Steine daneben sind locker. (Fotos: im)

Der gesamte Dauernheimer Kirchberg ist ein Schweizer Käse mit vielen Löchern, der jetzt endgültig instabil zu werden droht.« Was Ranstadts Bürgermeisterin Cäcilia Reichert-Dietzel, Udo Schädel und Karl-Heinz Hoppe von der Gemeindefachstelle Bauordnung und Bauplanung beim Pressetermin konstatieren, ist Anwohnern und Eigentümern, den Heimatforschern des Kulturvereins Dauernheimer (KVD) und dem örtlichen IKEK-Team (Integriertes kommunales Entwicklungskonzept) seit Langem bekannt. Nur scheint die Lage jetzt zu eskalieren.

»Die bereits konstatierten Schäden nehmen rapider zu, es scheint eine Art Domino-Effekt vorzuliegen«, sagt Reichert-Dietzel. Anfang des Jahres hat sie das direkt über der Stützmauer an der Kreuzpforte befindliche Straßenstück für den Verkehr sperren lassen. Nun erwägt sie, auch den unteren Teil der Kreuzpforte autofrei zu halten. Der dortige Gemeindefelsenkeller zeigt im Innern Einstürze und tiefe Risse, in seiner Umgebung und oberhalb wölben sich Mauern vor, weichen Fugen, bröckeln Steine, entwickeln sich Straßenschäden. Der Gesamteindruck: Hier besteht rascher Handlungsbedarf.

Die bereits konstatierten Schäden nehmen rapider zu, es scheint eine Art Domino-Effekt vorzuliegen

Cäcilia Reichert-Dietzel

Eine Tatsache, auf die das IKEK-Team die Gemeinde Anfang November 2017 mit einem dringenden Antrag hingewiesen hat, der die Schäden akribisch und mit Fotos versehen auflistet. Die 25 Unterzeichner erreichten eine einstimmige Stellungnahme der Gemeindevertreter in deren Dezembersitzung, die eine Weiterleitung des Anliegens an den Bauausschuss und die Beauftragung von Fachfirmen zur Erstellung eines Sanierungskonzepts befürworteten.

Inzwischen habe man Angebote von zwei Ingenieurbüros erhalten, sagt Reichert-Dietzel. »Allein die Bestandsaufnahme und die Erstellung eines Sanierungskonzepts werden 30 000 bis 60 000 Euro kosten.« Seit Februar ist die Untere Denkmalschutzbehörde informiert, Warnhinweise wurden an allen betroffenen Kellern angebracht.

 

Über 1000 Jahre alt

 

Die KVD-Aktiven Robert Adam und Erich Harth weisen bei ihren Rundgängen seit vielen Jahren auf die Schönheit, aber auch die Gefährdung der dreistöckigen Felsenkelleranlage hin, deren Alter sie – entgegen den auf den Türstürzen vermerkten Jahreszahlen – mit über 1000 Jahren ansetzen. Die sichtbaren Zahlen zwischen 1500 und 1800 gäben nur das Datum der jeweiligen Erneuerung des weichen Sandsteintürsturzes an. Robert Adam nahm mit seinem Sohn Ralf bereits in den 70er Jahren erste Vermessungen der in ihrer Komplexität bundesweit seltenen Anlage vor. In den 90er Jahren beauftragte er eine Absolventengruppe der Technikerschule Alsfeld, einen Teil der einst per Hand und mit einfachsten Geräten in den Felsen getriebenen Stollen professionell zu erfassen.

Schon vor Jahren gab es einen Einsturz im Gemeindekeller unter der Kreuzpforte.
Schon vor Jahren gab es einen Einsturz im Gemeindekeller unter der Kreuzpforte.

2006 wurde laut Aufzeichnungen der Bauverwaltung die Stützmauer an der hier zweigeteilt verlaufenden Kreuzpforte erneuert, 2014 der obere Teil der Straße bereits für Schwerlastverkehr, Tankwagen und Müllabfuhr gesperrt, um die direkt darunterliegenden Felsenkeller nicht weiter zu gefährden. Anwohner hatten immer wieder von Erschütterungen durch den Verkehr und Teilabbrüchen in ihren Kellern berichtet.

Die Gesamtanlage gehört als solche, samt überführender Straßen, der Gemeinde. Die jeweiligen Felsenkeller sind den Bürgern für eine Dauer von 99 Jahren zugeschrieben worden. 2015 integrierte man die Felsenkeller ins IKEK-Projekt zur Dorfentwicklung. Monatelange Eigentümer-Recherchen und Bestandsaufnahmen bereits damals vorhandener Schäden folgten. Im Frühling 2016 startete das IKEK-Team mit ersten Aktionen zur Restaurierung der Anlage, beginnend mit einer Aufarbeitung der Türen und Beschläge.

Die Dorfbewohner hängen an den von ihren Vorfahren als Vorrats- und Kühlungsanlage geschaffenen Felsenkellern, sie sollen kommenden Generationen erhalten bleiben. Dieses Unterfangen wird allerdings einen hohen Preis haben. »Man muss den Kranken vom Fuß her heilen – also die unteren Keller einfach zuschütten und so den ganzen Kirchberg stabilisieren«, meint ein ungenannter Kellereigentümer. Ein Patentrezept?

Info

Schatz unter der Erde

In Dauernheim findet man über 100 Felsenkeller mit insgesamt 2400 Quadratmetern Lagerfläche, die in das Tuffsteinmassiv unter dem Kirchberg getrieben wurden. Die Keller sind wohl so alt wie Dauernheim selbst, etwa 1200 Jahre alt. Selbst im heißesten Sommer steigen die Temperaturen hier nie über 10 Grad Celsius, im Winter dagegen bleiben die Keller frostfrei. Gerade in früheren Zeiten waren sie deshalb Gold wert. Die Menschen nutzten die zwischen 16 und 40 Quadratmeter großen Gewölbe damals als Weinkeller. Eingelagerte Äpfel halten sich in diesem Klima fast so lange, bis die neue Ernte ansteht. Die Felsenkeller wurden über Generationen innerhalb der Familien weitergegeben. Doch liegen sie oft unter dem Grundstück eines anderen Dauernheimers, sodass die Eigentumsrechte in einem speziellen Kellergrundbuch geregelt sind. Ein Spaziergang über den Kirchberg lohnt sich, denn die Eingangsportale der Keller sind ebenfalls einen Blick wert. Oft wurde das Familienwappen eingeschlagen oder ein Zunftzeichen, etwa für einen Schmied, angebracht. (arc)

 

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