11. September 2018, 20:11 Uhr

Da gefriert das Blut in den Adern

11. September 2018, 20:11 Uhr
Der Film »Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens« von Friedrich Wilhelm Murnau aus dem Jahr 1922 hat nichts von seiner Faszination verloren. Es ist die weltweit erste Verfilmung des »Dracula«-Romans von Bram Stoker. (Fotos: dpa/gk)

Dunkler Saal, grelle Leinwand, vier Musiker mit dem Rücken zum Publikum: So ähnlich wie im Alten Hallenbad könnte es auch am 5. März 1922 bei der Uraufführung von Friedrich Wilhelm Murnaus Stummfilmklassiker »Nosferatu« ausgesehen haben. Fast 100 Jahre und Tausende von sogenannten »Horrorfilmen« später, lässt die weltweit erste Verfilmung des »Dracula«-Romans von Bram Stoker immer noch das Blut in den Adern gefrieren – vor allem wenn die Aufführung von vier erstklassigen Jazz-Musikern wie »Küspert & Kollegen« kongenial begleitet wird. Dann wird die Szene zum Ereignis; und wir Heutigen mit unseren überstrapazierten Seh- und Hörnerven ahnen zumindest, welche Wirkung »Nosferatu« und vergleichbare Stummfilme der Zwanzigerjahre auf das damalige Publikum ausgeübt haben müssen. Einzig der durch den Saal wabernde dezente Popcornduft hat dem Film im Alten Hallenbad ein wenig von seiner Aura genommen.

Wie eine Seuche

Werner Küspert, seit 20 Jahren als Stummfilm-Musiker aktiv, an der E-Gitarre; »Echo«-Preisträger Bastian Jütte am Schlagzeug; der europaweit bedeutende Kontrabassist Dietmar Fuhr sowie der Saxofonist Till Martin: Sie bieten weit mehr als herkömmliche Begleitmusik zu alten Stummfilmen. In einer perfekten Mischung aus freier Improvisation und präziser lautmalerischer Wiedergabe der herausragenden Filmsequenzen ziehen sie den Hörer in ihren Bann, ohne ihn vom Erlebnis des Films abzulenken. Das Gegenteil ist der Fall: Die Musik intensiviert die Gruselatmosphäre zuweilen bis an die Schmerzgrenze.

Der junge Hutter (Gustav v. Wangenheim) erreicht nach wochenlanger Kutschfahrt Nosferatus (Max Schreck) unheimliches Schloss in den Karpaten. Wölfe streunen durchs Bild. Häufige Ein- und Überblendungen erzeugen eine zunehmend unheimliche Atmosphäre. Murnau hat den Film – für die damalige Zeit ungewöhnlich – nicht vor Studiokulissen, sondern »Open Air« gedreht. Fahle Saxofonklänge lassen nichts Gutes erahnen.

Ein böses Ende

Als Nosferatu/Dracula nach Einbruch der Dunkelheit seinem Sarg entsteigt und in voller Größe vor dem jungen Hutter (der mit dem sich als »Graf Orlok« ausgebenden Vampir ein Grundstücksgeschäft abschließen soll) steht, wird Bassist Dietmar Fuhr aktiv, beginnt Bastian Jüttes Schlagzeug zu grummeln. Beim Abendessen verletzt sich Hutter leicht am Finger. Nosferatu stürzt mit dem Schrei »das kostbare Blut« auf ihn zu. Schräge Dissonanzen begleiten diese Schlüsselszene.

Zartbesaitete junge Kinobesucherinnen dürften sich seinerzeit bei solchen Szenen, schrille Schreie ausstoßend, in den Armen gelegen haben. Aber bekanntlich fasziniert das Grauen auch. Mit telepathischen Fähigkeiten ausgestattet, »verzaubert« der Vampir Hutters in der biederen norddeutschen Hafenstadt zurückgebliebene junge Frau Ellen (Greta Schröder), die sehnsüchtig den Gatten zurückerwartet und mondsüchtig auf Balkongeländern zu balancieren beginnt. Das von Nosferatu ausgehende Grauen (der Film trägt den Untertitel »Symphonie des Grauens«) greift wie eine Seuche um sich. Die Musiker weben einen vielfarbigen atonalen Klangteppich zur Untermalung.

Kommen wir zum bösen Ende: In einer berühmten Szene zu Ellens Kammer emporschleichend (man sieht nur sein verzerrtes Schattenbild an der Wand), tötet er (während ihr Gatte im Nebenzimmer schläft) die junge Frau, die sich ihm willig hingibt, um durch ihr Opfer die Menschen von dem Ungeheuer zu befreien. Denn der Vampir vergisst in seinem Blutrausch, auf die – für ihn todbringende – anbrechende Morgenröte zu achten. Wie ein Gespenst löst sich Nosferatu in Luft auf. Das Auditorium applaudiert heftig.

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