22. August 2018, 11:00 Uhr

Versuchter Mord?

Butzbacher Häftling vor Gericht: Angriff in der Einzelzelle

Mit einer selbst gebauten Waffe aus Glas soll ein Häftling JVA-Beamte in Butzbach angegriffen haben. Versuchter Mord, sagt die Staatsanwaltschaft. Der Mann sieht das anders.
22. August 2018, 11:00 Uhr
Der 64-jährige Angeklagte – hier im Gespräch mit seinem Anwalt – soll aus der Fensterscheibe seiner Zelle eine 60 Zentimeter lange Waffe gebastelt haben. (Foto: jwn)

Das Gießener Landgericht ähnelt am Dienstag der Kulisse eines knallharten Psycho-Krimis. Der Angeklagte wird an Händen und Füßen gefesselt mit einer Haube über dem Kopf von etwa zehn Polizisten mit Gesichtsschutz in den Gerichtssaal geführt. Es ist der erste Verhandlungstag im Prozess gegen einen 64-jährigen Sachsen wegen versuchten Mordes, unter anderem in der Justizvollzugsanstalt Butzbach.

Im Gerichtssaal wird dem knapp 1,70 Meter großen Mann zwar die Haube abgenommen, doch die Fesseln bleiben angelegt – ungewöhnlich, denn den Gefangenen werden während der Verhandlungen in der Regel die Handschellen abgenommen. Auch die Anwesenheit von mindestens drei Polizeibeamten in unmittelbarer Nähe des Angeklagten zeigt: Ein »schweres Kaliber« steht vor Gericht.

 

Schon zweimal »lebenslänglich«

 

Wegen Gewaltverbrechen ist der Angeklagte zuvor zu zweifach lebenslanger Haft verurteilt worden. Nun steht er in Gießen vor Gericht, weil er im vergangenen Jahr versucht haben soll, Justizvollzugsbeamte in den Gefängnissen Butzbach und Schwalmstadt zu ermorden. In den Sicherheitstrakt der Butzbacher Haftanstalt war er verlegt worden, nachdem er während seiner Haft in Dresden einen Beamten überfallen und zu töten versucht hatte. Er war dafür zu lebenslanger Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt worden. Zuerst saß er in Bautzen, später in Butzbach.

Die Haftbedingungen in Butzbach hätten ihm nicht zugesagt, erklärte der Angeklagte am ersten Verhandlungstag in Gießen. »Das ist doch kein Sicherheitstrakt und erst recht keine vorgesehene Verwahrung. Alles ist viel zu lax und unorganisiert«, schilderte er den Grund für sein Aufbegehren. Er habe zeigen wollen, dass er im Recht sei. In wochenlanger Arbeit hatte er sich heimlich ein gläsernes 60 Zentimeter langes Schwert und einen mit Schrauben beschwerten Gürtel angefertigt. Dafür hatte er Glas aus einer Scheibe des Zellenfensters und Schrauben aus der Werkbank seines Arbeitsplatzes verwendet.

 

Mit Fäkalien überschüttet

 

Am 8. Juni vergangenen Jahres soll er mit den selbstgebastelten Waffen einen Justizvollzugsbeamten angegriffen haben, der ihn zusammen mit einem Kollegen für einen Arztbesuch aus der Zelle holen wollte. Er soll den eintretenden Beamten zuerst mit einem Glas Fäkalien überschüttet und dann mit zwei, drei kurzen Hieben mit dem Glasschwert versucht haben, ihm die Halsschlagader zu durchtrennen. Der zweite Beamte habe das verhindert, indem er sofort zugeschlagen, die Waffe dabei zerstört und den Angreifer überwältigt habe.

In Schwalmstadt wurden seine Haftbedingungen anschließend verschärft. Der Mann saß in einer videoüberwachten Einzelzelle, und ihm wurden alle Kleidungstücke und das Bettzeug genommen. Als er nach einem Monat in andere Zelle verlegt werden sollte, soll er sich erneut mit einer selbst gebastelten Stichwaffe gewehrt und nach einem Richter oder Staatsanwalt verlangt haben.

 

»Das Sicherheitssystem taugt nichts«

 

»Ich wollte nie einen töten, sondern nur zeigen, dass das ganze Sicherheitssystem hier nichts taugt«, sagte er vor Gericht. Und auf den Vorhalt der Richterin, dass er doch in seinen polizeilichen Vernehmungen eindeutig eingeräumt habe, die Beamten töten oder zumindest verletzten zu wollen, erwiderte er: »Das habe ich nur gesagt, weil die Polizisten das so hören und niederschreiben wollten.«

Der Prozess wird nächste Woche fortgesetzt. Weitere Verhandlungstage sind bis in den Oktober geplant.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Glas
  • Landgericht Gießen
  • Mord
  • Polizei
  • Butzbach
  • Jürgen W. Niehoff
  • Lädt

    Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 43 - 10: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.