31. August 2018, 17:00 Uhr

Schul-Musical

Blinde und sehende Schüler aus Friedberg gemeinsam auf der Bühne

Auf einer Bühne stehen ohne zu sehen? Das geht, wie sehbehinderte Schüler aus Friedberg zeigen. Nun singen zum ersten Mal sehende Kinder mit - mit überraschendem Ergebnis.
31. August 2018, 17:00 Uhr
Die Aula der Johann-Peter-Schäfer-Schule in Friedberg wird zum bunten Reich der Töne. Im Musical »Max und die Zaubertrommel« sind blinde und sehbehinderte Kinder die Stars auf der Bühne. (Foto: edg)

Stimmengewirr schallt kurz nach der großen Pause durch die Aula der Johann-Peter-Schäfer-Schule (JPSS) in Friedberg. Dazu mischen sich Gitarrentöne und Regieanweisungen wie »Der Rollstuhl muss von hinten auf die Bühne« und »Der Chor, bitte aufstehen«. Dann wird es mit einem Mal ganz ruhig. Der Vorhang öffnet sich und gibt die Bühne frei für ein Musical der besonderen Art. Darsteller mit dicken Brillengläsern fegen über die Bühne. Verkäufer Mr. Profit fährt im Rollstuhl vor und preist sein Kaufhaus an, unterstützt vom Chor der Philipp-Dieffenbach-Schule. Im Stück »Max und die Zaubertrommel« spielen und singen blinde und sehbehinderte Schüler zusammen mit Kindern ohne ein solches Handicap.

»Es war einfach Zeit, endlich etwas zusammen zu machen – im Zeitalter der Inklusion sowieso«, sagt Beate Hesse, JPSS-Musiklehrerin, während der Probe am Mittwoch. Mit Kollegin Astrid Scheifele leitet sie das Musical, in dem Schäfer-Schüler zwischen 8 und 17 Jahren mitspielen. Nach dem Motto »Von Blinden für Sehende« hatten die Schüler schon in den Jahren zuvor Musicals eingeübt und zur Vorstellung andere Schulen eingeladen. In diesem Jahr spielen sie erstmals zusammen mit den Grundschülern der benachbarten Schule – mit dem Ziel, mögliche Berührungsängste abzubauen.

Man schätzt uns oft falsch ein, und denkt, wir könnten so etwas nicht leisten

JPSS-Schülerin, Dunja

In einer Probenpause sitzt die elfjährige Dunja in den Stuhlreihen der Aula und wippt mit dem Fuß. »Ich finde es interessant, mit Sehenden zusammen zu arbeiten«, sagt sie. Die Fünftklässlerin trägt eine Brille mit dicken Gläsern und erklärt, sie sehe von Geburt an recht wenig. Wo die Bühne anfängt und aufhört, könne sie aber durchaus erkennen – und bei Bedarf blinden Mitschülern den Weg weisen. Manche würden auch während des Stücks von Erwachsenen geführt. Dunja spielt in dem Musical eine Katze zum Aufziehen und hat sogar einen Soloauftritt. »Man schätzt uns oft falsch ein, und denkt, wir könnten so etwas nicht leisten«, sagt sie. »Aber das geht ganz gut.«

 

Mimik oder Gestik noch nie gesehen

Die Grundschüler der Dieffenbach-Schule seien anfangs so gebannt von den blinden Darstellern gewesen, dass sie manchmal vergessen hätten mitzusingen, erzählt Lehrerin Hesse. Die Kinder mit Handicap seien hingegen sehr konzentriert. Schwierig sei es jedoch gelegentlich beim Schauspiel. »Geburtsblinde Kinder haben keine Vorstellung von Mimik oder Gestik – sie haben das ja nie gesehen«, sagt sie. »Einem sehbehinderten Kind ist das noch leichter zu vermitteln.«

Das Musical »Max und die Zaubertrommel« ist speziell für Schulen komponiert worden und von den Musiklehrerinnen angepasst worden. Zum Beispiel haben sie die Texte in Brailleschift übersetzt. Ob blind oder nicht – die Handlung des Musicals dürfte so einigen Kindern aus der Seele sprechen: Max ist genervt, weil er am Samstag mit seiner Mutter zum Einkaufsbummel muss. Mit Hilfe einer Zaubertrommel kann er in das Reich der Töne fliehen. Dort beschert ihm König Gier jedoch einige Probleme. Eine Band aus Schülern, Lehrern und einem Erzieher begleitet die Geschichte musikalisch. Zwei Vorstellungen für Schüler gab es bereits im Juni. Zu den zwei letzten Aufführungen sind nun Familien und Gäste in die Aula eingeladen.

Nach zahlreichen Proben sind sich Schüler mit und ohne Handicap offenbar vertrauter geworden. »Wir grüßen uns jetzt auf dem Spielplatz«, sagt Dunja. Läuft alles gut, findet auch der achtjährige Anton von der Dieffenbach-Schule. Auf die Frage, wie es ist, in einem Musical mit blinden und sehbehinderten Kindern mitzumachen, sagt er nur: »Das ist ganz normal und nichts Besonderes.« Als Chorleiterin Scheifele ruft, schlängelt er sich zurück auf seinen Platz im Chor neben der Bühne vorbei an seiner Mitschülerin im Rollstuhl. »Die Neugier der Kinder aufeinander ist geweckt«, sagt Lehrerin Hesse. »Wir schauen nun, wie wir weiter aufeinander zugehen können.«

Info

Singen Blinde besser?

Auf die Frage, ob die blinden Schüler besser singen als die sehenden, will sich Beate Hesse nicht pauschal festlegen. Die Musiklehrerin von der Johann-Peter-Schäfer-Schule für blinde und sehbehinderte Kinder in Friedberg sagt aber: »Ihre Sensibilität für Musik ist sehr geschärft.« Blinde und sehbehinderte Schüler seien fokussierter, während sich sehende Kinder beim Musizieren auch durch visuelle Reize ablenken ließen. Musik sei generell ein guter Zugang zu blinden und sehbehinderten Kindern. Die Schule habe daher einen musikalischen Schwerpunkt von der Vorklasse, über Grundstufenchöre bis zur Schulband.

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