30. September 2018, 12:00 Uhr

Feldpost

»Bis unser Walter wiederkommt…«

Walter Bruder sollte die Gärtnerei übernehmen – so war es vorgesehen, als sein Vater das Chausseehaus zwischen Ilbenstadt und Wöllstadt kaufte. Doch dann musste der 20-Jährige an die Ostfront.
30. September 2018, 12:00 Uhr

Feldpost

In unserer Feldpost-Serie veröffentlichen wir wöchentlich Auszüge aus Feldpostbriefen, erzählen die Geschichten dazu und welche Schicksale sich dahinter verbergen.

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Walter Bruder wollte den Krieg gewinnen. Am liebsten im Alleingang. »Er war ein Draufgänger«, sagt sein Großneffe Jürgen Schenk. Seine Oma ist eine der vier Schwestern von Walter Bruder gewesen.

Sieben Kinder hatte das Ehepaar Georg und Luise Bruder, das aus Neckarsteinach in die Wetterau gezogen ist. In den 1910ern bekommt Georg Bruder eine Stelle in Ilbenstadt – er arbeitet als Gärtner im Schlossgarten des Grafen, Luise Bruder wird im gräflichen Haushalt als Köchin eingestellt. Der jüngste Sohn, Walter, tritt in die Fußstapfen des Vaters, lässt sich zum Gärtner ausbilden. Seinetwegen wird der Vater 1941 das Chausseehaus mit dem großen Anwesen zwischen Ilbenstadt und Wöllstadt kaufen – der Sohn soll dort in der Gärtnerei arbeiten und sie später einmal übernehmen.

 

»Heldentod«

Doch dazu wird es nie kommen. Walter Bruder ist 20 Jahre alt, als er an der Ostfront stirbt. Durch einen Kopfschuss. Er war sofort tot – so steht es in dem Schreiben des Kompanieführers, das die Familie Bruder im Spätsommer des Jahres 1942 erreicht.

 

Meine Pflicht, Ihnen heute seinen Heldentod berichten zu müssen, fällt mir besonders schwer. Ihr Sohn Walter fiel am 25.8.1942 bei Gusaki – 10 km westnordwestlich Karmonowo/Russland (...). Er konnte wegen Feindeinwirkung bisher noch nicht geborgen und beerdigt werden. Sobald das Gelände wieder vom Feind gesäubert ist und es der Kompanie möglich ist, Ihren Sohn zu beerdigen, erhalten Sie umgehend Nachricht.

Der Todesort – 10 km westnordwestlich Karmonowo/Russland – und die Kämpfe dort sind als Schlacht von Rschew in die Geschichte eingegangen – heute heißt es, es war eine der blutigsten Schlachten des Zweiten Weltkriegs, die auch als »Fleischwolf von Rschew« bezeichnet wird. 15 Monate dauerte die Schlacht, von Januar 1942 bis März 1943. Wie viele Männer sterben, ist bis heute nicht ausfgeklärt.

 

»Du elender Balg«

Walter Bruder ist einer von ihnen. Zwei Tage vor seinem Tod schreibt er einen Brief an seine Schwester Thea, die ihm kurz zuvor in einem Brief aus der Heimat mitgeteilt hat, dass sie heiraten wird.

Walter antwortet:

Du elender Balg. Scheel Aas, willste den wirklich heiraten (...)? Wie kannst Du Dich denn unterstehen, jetzt wo ich nicht zu Hause bin, überhaupt auf so Gedanken zu kommen. Heiraten, heiraten, wenn ich das nur schon höre. Wer hat es denn auf einmal so eilig, Du oder Wilhelm? Es fehlt mir noch, daß Du nachher noch nach Himbach ziehst und dort wohnst. Da kann ich, wenn ich einmal auf Urlaub komme, mich noch aufraffen und Dich in dem Gott verlassenen Nest besuchen.

 

Er und seine Schwester sind drei Jahre auseinander. Sie ist 1919 geboren, er 1922. Das Verhältnis ist innig. Die frechen Kosenamen – »Balg, Aas« – »daran lässt sich ablesen, er war noch ein richtiger Kindskopf«, sagt sein Großneffe Jürgen Schenk. Ein Kindskopf, der noch viel vor hatte:

 

Kannste denn nicht noch warten bis nach dem Krieg? Dann feiern wir meine gleich mit. Ich muss mir aber erst noch so ein Scheel Aas suchen. Na ja, so ein langhaariges Aas, wie Du eins bist, werde ich auch noch bekommen.

 

Thea wird ihren Bruder nie wiedersehen. Als sein Brief in Ilbenstadt ankommt, ist er schon tot. Sie heiratet den Mann, um den es in den Briefen geht, heißt bald mit Nachnamen Schäfer. Und sie wird das Chausseehaus erben, das eigentlich für ihren kleinen Bruder bestimmt war. Sie ist die einzige der Geschwister, die heute noch lebt. 99 Jahre ist sie alt. Wenn Jürgen Schenk seine Großtante nach Walter fragt, ist sie noch immer gerührt. »Unser Walter«, sagt sie dann. »Er war ein sehr begehrter Jüngling im Ort.« Sie erzählt, dass er den Krieg gewinnen und schnell wieder zurückkehren wollte. Doch am Ende, daran erinnert sie sich noch, war er nicht mehr überzeugt.

 

»Der Hut wartet, bis unser Walter wiederkommt«

Im Mai, drei Monate vor seinem Tod, schreibt er:

 

In Deinem Brief vom 12.5. hast Du mir aber lauter traurige Nachrichten geschrieben. Am meisten traf mich, daß Otto Hanker gefallen ist. Vor einem Jahr, als er auf Urlaub war, tranken wir manchen Schoppen zusammen und jetzt Schicksal. Daß Friedel gefallen ist, wußte ich schon. Der hat halt Pech gehabt. Ich glaube, bis der Krieg aus ist, fehlt über die Hälfte der Leute von Imscht (Ilbenstadt). Der verdammte Russ. Der ist viel unterschätzt worden. Was glaubste, wenn der nach Deutschland gekommen wäre. Da war alles verloren (...).

Es ist zum verrückt werden. Von innen beissen einen die Läuse u. von außen stechen einen die Schnaken. Abends ist man so verstochen, daß man anläuft wie ein Kreppel. Noch ein Tag u. dann ist der Monat Mai schon wieder vorbei. (Im Mai sind die Mädel nicht treu.) Nachts wenn der Mond scheint u. wir Posten stehen (Doppelposten) dann erzählen wir uns im Flüsterton von der Heimat, von den Mädchen u. vom Essen (...).

Ich muss aufhören, sonst gehe ich noch kaputt vor lauter Schnaken.

 

Die Briefe, Fotos, die Todesanzeige – die große Schwester hat die Erinnerungsstücke aufbewahrt. In der Scheune des Chauseehauses hing über all die Jahre ein Hut, den Walter Bruder als junger Mann oft getragen hat. Als Thea Schäfer mit ihrem Großneffen dort vor längerer Zeit einmal stand, sagte sie: »Der Hut wartet, bis unser Walter wiederkommt.«

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