12. September 2018, 08:00 Uhr

Spendeninitiative

Bauantrag für Windmühle der Superlative in Bad Nauheim

Der Verein Wind- und Wasserkunst Bad Nauheim hat ein weiteres Etappenziel erreicht: Der Bauantrag für die Windmühlen-Rekonstruktion wurde gestellt. Jetzt fehlen noch Spendengelder.
12. September 2018, 08:00 Uhr
Blick vom Höhenweg auf die Gradierbauten IV und V mit dem Windmühlenturm. Noch fehlen ihm die Flügel. (Foto: Michael Harth)

»Wir können alles. Außer Hochdeutsch.« Kaum ein Werbeslogan ist bekannter als der des Landes Baden-Württemberg. Für das Bad Nauheimer Windmühlen-Projekt könnte mit einer Abwandlung Reklame gemacht werden: »Wir haben alles. Außer Geld.« Ganz so schlimm ist es nicht, doch es fehlt noch ein größerer sechsstelliger Betrag, damit dem Salinenturm wieder Flügel wachsen.

Fünf Jahre nach der Gründung des Vereins Wind- und Wasserkunst Bad Nauheim sind Vorsitzender Dr. Thomas Schwab und seine Mitstreiter an einem wichtigen Etappenziel angelangt. Am Montag wurde der Bauantrag für die Rekonstruktion der Windmühle am Turm zwischen den Gradierbauten IV und V (Schwalheimer Straße) eingereicht.

Investitionsmittel: Zwei Drittel fehlen noch

»Wir haben alles«, ist somit nicht übertrieben, auch wenn die Genehmigung aussteht. »Nachdem die Denkmalschutzbehörden unsere Pläne abgesegnet haben, dürfte es keine Schwierigkeiten geben. Ich rechne noch 2018 mit der Genehmigung«, sagt Schwab. Grundlage des Bauantrags sind Pläne, die Mühlen-Experte Rüdiger Hagen in Kooperation mit den auf Denkmalschutz spezialisierten Architekten Gustav Jung und Alexandra Vydra ausgearbeitet hat. Nachgereicht werden Gutachten bezüglich Statik und Brandschutz.

Im Frühjahr 2019 könnte der Verein loslegen – wenn das liebe Geld nicht wäre. Zwar gibt es auch diesbezüglich kleine Fortschritte, doch von der Ziellinie sind die Initiatoren weit entfernt. »Gut ein Drittel der Investitionssumme von etwa 450 000 Euro haben wir zusammen«, berichtet der Vorsitzende. Größter Einzelspender ist bislang der Förderverein der Kurstadt, der 125 000 Euro zur Verfügung stellen möchte. Zusagen über fünfstellige Beträge hat Schwab außerdem von den beiden Banken aus der Region und einem Versorgungsunternehmen. Die Mitgliederzahl des Vereins hat sich in den letzten 18 Monaten auf 160 vervierfacht.

Alle Firmen werden angeschrieben

»Da jetzt alle rechtlichen und planerischen Voraussetzungen geschaffen sind, können wir mit der Spendenwerbung richtig loslegen«, betont Schwab. In einem ersten Schritt werden alle 2000 Bad Nauheimer Firmen angeschrieben, über das Projekt informiert und um Unterstützung gebeten.

Einige Jungunternehmer sind bereits Windmühlen-Fans, auch Gastronomen wie Willy van Basshuisen hat kürzlich 3000 Euro gespendet. »Zudem werden wir uns intensiv bemühen, an Fördertöpfe von Land, Bund und EU herankommen«, sagt der Vorsitzende. Aus dieser Quelle erhofft sich der Verein etwa die Hälfte der Gesamtsumme – zurzeit ist das aber reines Wunschdenken.

Südlichste Windmühle Deutschlands

Ohne Spender läuft jedenfalls gar nichts. Unter PR-Gesichtspunkten ist es deshalb gut, dass Schwab, der sich als Lokalhistoriker einen Namen gemacht hat, bei seinen Recherchen auf zwei Superlative gestoßen ist. So wird die Bad Nauheimer Windmühle nach ihrer Wiederherstellung die »südlichste Deutschlands« sein.

Zwei Mühlen, die im Deutschen Museum in München und in einem schwäbischen Freizeitpark stehen, sowie zwei weitere Exemplaren im Hessenpark (Hochtaunuskreis) werden nicht berücksichtigt, weil es sich nicht um die Originalstandorte handelt. Ansonsten existieren weder in Hessen noch in Bayern, Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz oder dem Saarland weiter südlich gelegene Mühlen. »In Thüringen gibt es einige, doch die stehen etwa 30 Kilometer weiter nördlich«, hat Schwab ermittelt.

Europaweit einmalige Technik

Superlativ zwei: Als technische Gesamtanlage sei das Zusammenspiel von Schwalheimer Wasserrad, den Resten des sogenannten Gestänges und der Windmühle zwischen den Gradierbauten »europaweit einmalig«. Nach umfangreicher Literaturrecherche sowie Korrespondenz mit Wissenschaftlern und dem Mühlen-Fachmann Hagen ist sich der Vorsitzende diesbezüglich sicher.

»Die Bad Nauheimer Anlage ist etwas ganz Besonderes, weil die Solepumpe unter dem Turm mit Wind- oder Wasserkraft angetrieben werden konnte. Geliefert wurde die Energie vom Schwalheimer Wasserrad und der Windmühle.« An der Entwicklung dieser technischen Kombination war laut Schwab der Universalgelehrte Gottfried Wilhelm Leibniz im 17. Jahrhundert beteiligt.

»Die Windmühlen-Rekonstruktion spricht Romantiker, Techniker und Historiker an, daher bin ich optimistisch, das Geld zusammenzubekommen«, sagt er. Bis Ende 2019 müssten genügend Zusagen von Spendern und Geldgebern wie der Deutschen Stiftung Denkmalschutz vorliegen. Schwab: »Das wird der Moment der Wahrheit.« Läuft alles nach Wunsch, wird 2020 mit dem Bau begonnen.

 

Info

Europäische Mustersaline

Im 18. Jahrhundert galt die Nauheimer Saline aufgrund ihrer Technik als europäische Musteranlage. Wesentlichen Anteil daran hatte Jakob Sigismund Waitz von Eschen, der die Salzgewinnung grundlegend modernisierte. In ihrer Blütezeit bestand die Saline aus 23 Gradierbauten mit einer Gesamtlänge von 3,6 Kilometern, sieben Siedehäusern, zwei Windmühlen, zwei Wasserrädern und mehreren Wasserreservoires, zu denen der große Teich und die Waldteiche zählten. In der größten Sudsaline für schwachprozentige Sole Europas wurden pro Jahr etwa 5000 Tonnen Salz produziert. Die Windmühlen an der heutigen Schwalheimer Straße (Salinenturm) und neben dem ehemaligen Balneologischen Institut (Waitz’scher Turm) wurden 1747 errichtet und verrichteten ihren Dienst etwa 75 Jahre lang. Als die Flügel beider Türme 1824 von einem Orkan zerstört wurden, verzichteten die Verantwortlichen auf eine Reparatur. Die Wasserkraft musste künftig ausreichen, um die Solepumpen anzutreiben. (bk)

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