04. Juli 2018, 14:00 Uhr

Familiendrama vor Gericht

»Aus dem Ruder gelaufen«

Als familienfreundlicher, hilfsbereiter und sehr höflicher Mensch wird der 36-jährige Angeklagte aus Kefenrod beschrieben. Jetzt steht er vor Gericht: Die Anklage lautet auf dreifachen Tötungsversuch.
04. Juli 2018, 14:00 Uhr
Der 36-Jährige muss sich wegen versuchten Totschlags verantworten. (Foto: jwn)

Hilfsbereit, höflich und überaus familienfreundlich soll er sein. Doch der Familienvater steht derzeit vor dem Gießener Landgericht. Dort muss sich Mahan K. (Name von der Redaktion geändert ) wegen versuchten Totschlags und gefährlicher Körperverletzung verantworten. Die Anklage lautet auf dreifachen Tötungsversuch an seiner 28-jährigen Ehefrau und seinen sechs und vier Jahre alten Kindern.

Es sollte eine Drohung sein

Doch je mehr Zeugen vor Gericht zur Wort kommen, umso klarer wird, dass der 36-jährige Iraner, der mit seiner Familie erst Anfang 2017 als Flüchtling nach Deutschland gekommen ist, wohl niemals die Absicht hatte, seine Kinder umzubringen. Es sollte eine Drohung gegenüber seiner Ehefrau sein, wieder zu einer Familie zusammenzufinden.

Protest gegen Wohnung auf dem Land

Die Sozialarbeiterin der Gemeinde Kefenrod, die auch für die Betreuung der Familie des Angeklagten zuständig war, berichtete, dass die Eheleute von Anfang an Probleme mit der ländlichen Umgebung gehabt hätten. Sie kamen aus einer größeren Stadt im Iran. Der Angeklagte hatte sich deshalb sogar Verletzungen zugefügt, um einen Selbstmord vorzutäuschen – aus Protest gegen die Wohnung auf dem Land. Doch der Wetteraukreis gab nicht nach. Es blieb bei der ursprünglichen Wohnung.

Verhältnis mit Dolmetscher

Die Ehefrau fing schließlich ein Verhältnis mit einem anderen Flüchtling an, der der Familie als Dolmetscher oftmals aushalf. Es ging sogar so weit, dass er bei der Familie einziehen wollte. Das unterband zwar die Flüchtlingshilfe. Doch seither war es vorbei mit dem Familienglück. Der Ehemann zog aus der gemeinsamen Wohnung in Brachttal aus und zog auf Vermittlung der Flüchtlingshilfe nach Kefenrod.

Weil die Ehefrau mit der neuen Situation aber auch recht zufrieden war und trotz eines Heiratsantrages ihres Liebhabers weiterhin zwischen ihm und ihrem Nochehemann schwankte, sah man sich, auch wegen der gemeinsamen Kinder noch sehr oft. Die Eheleute beschlossen, es noch einmal versuchen zu wollen. Sie zog mit ihren Kindern ebenfalls nach Kefenrod zu ihrem Ehemann, allerdings in ein Nachbarzimmer.

Frau schlug auf ihren Mann ein

Gut 14 Tage hielt das neue Glück, dann gab es wieder Unstimmigkeiten, Streit und Handgreiflichkeiten: Sie schlug zunächst auf ihn ein und zwar im Beisein der Kinder. Für Menschen aus dem Orient eine der schlimmsten Ehrabschneidungen, wenn ein Mann von seiner Frau geschlagen wird, wie es vor Gericht hieß.

Polizei beendete Familiendrama

Er wehrte sich: Gewürgt soll er sie haben und dann auf das Bett geworfen, mit einem Kopfkissen ihre Atmung erschwert haben. Anschließend soll er sich mit den Kindern eingeschlossen, und um mit seiner Frau über die gemeinsame Zukunft reden zu können, die Kinder mit dem Messer im Gesicht und am Hals verletzt haben. Erst der Auftritt der Polizei beendete das Familiendrama. »Alles halb so schlimm«, befand der Rechtsmediziner Manfred Riße. Die Würgemale am Hals der Ehefrau waren »allenfalls als Fingerabdruck zu sehen, den sie sich auch ganz leicht selbst zugefügt haben kann«, sagte der Gerichtsmediziner. Die Schnitte in den Gesichtern der Kinder seien nur ein bis zwei Millimeter tief und alles andere als lebensgefährlich gewesen. Die Kinder meinten anschließend sogar noch, der Papa habe nur Spaß gemacht.

Familienstreit, der aus dem Ruder lief

Erst durch den Auftritt der Polizei und deren gewaltsames Eindringen in das Zimmer seien die Kinder in Panik geraten, so die übereinstimmende Aussage der Polizeibeamten und der beiden Sozialhelferinnen. Auch für den Psychiater Reiner Gliemann stellt sich der Sachverhalt als ein Familienstreit dar, der aus dem Ruder gelaufen sei, »Hier gab es weder eine psychiatrische Erkrankungen bei dem Angeklagten, noch hatte er jemals Tötungsabsichten. Seine Kinder himmeln ihn genauso an wie er sie«, sagte der Sachverständige.

Am Mittwoch werden die Plädoyers gehalten und anschließend das Urteil gesprochen.

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