25. Oktober 2018, 10:00 Uhr

Wetterau-Museum

500 000 Jahre Menschheitsgeschichte, die kaum einen interessiert

Schätze von der Altsteinzeit bis zu Elvis – aber kaum jemand geht hin: Das Wetterau-Museum fristet seit Jahren ein Dasein als Mauerblümchen. Bei der Umgestaltung sollen die Bürger mitreden.
25. Oktober 2018, 10:00 Uhr
Museumsleiter Johannes Kögler vor dem Kultbild des römischen Gottes Mithras, das in der Friedberger Altstadt gefunden wurde. (Fotos: Nici Merz)

Ein Regionalmuseum, das fast 500 000 Jahre Menschheitsgeschichte abbildet, ist selten. Friedberg hat so ein Museum. Es sammelt und präsentiert Funde von der Altsteinzeit (Faustkeile aus Münzenberg) über die Zeit, als die Menschen sesshaft wurden (Idole aus Nieder-Mörlen und Bruchenbrücken) bis zur Bronzezeit (Schwertspitzen aus Ockstadt, Gürtelschnalle aus Groß-Karben), der Zeit der Kelten (Halsringfragment vom Glauberg) und Römer (Silberschatz aus Ober-Florstadt, Grabfunde aus Wohnbach), das Mittelalter bis zum Ersten Weltkrieg (Sonderausstellung) und zu Elvis Presley. Aber kaum einen interessiert’s.

Waren Sie schon mal im Wetterau-Museum? Das will die WZ bei einer Umfrage auf der Kaiserstraße wissen. Die Antworten sind ernüchternd. »Zu beschäftigt«, sagt eine 65-jährige Friedbergerin. Sie sei noch nie dort gewesen. Eine 30-jährige Ortenbergerin war »einmal kurz drin«, wüsste nicht, was sie dort hinlocken sollte. »Vielleicht wenn man Besuch hat.« Und wenn es ein Café gäbe, das sich zur Stadtkirche hin öffnet? »Es gibt schon so viele Cafés«, sagt ein 58-jähriger Bad Nauheimer. »Das würde nur funktionieren, wenn es dort sehr guten Kaffee gäbe«, meint eine 50-jährige Geschäftsfrau.

 

Grillrost aus der Römerzeit

»Der Besuch ist überschaubar«, sagt Museumsleiter Johannes Kögler. »Wer die Ausstellung aber betrachtet, ist angetan und überrascht, was wir alles haben.« Zum Beispiel das Kultbild des Gottes Mithras, gefunden 1849 im Keller eines Hauses in der heutigen Alten Bahnhofstraße. 1840 Jahre alt, zeigt das Sandsteinrelief die Tötung eines Opferstiers. Daneben die nächste Besonderheit: Eine Weihestein für die gallische Pferdekönigin Epona, der 1987 in der Kapersburg ausgegraben wurde. Links die Originalfragmente, recht eine moderne Replik.

In Wohnbach haben die Römer gegrillt. Eine Vitrine zeigt Grabbeigaben: Kannen, Becken und Kessel aus Bronze, ein Dreifuß aus Eisen und ein Grillrost. Die Stücke waren im Jahr 2000 zuerst in der bayrischen Landesausstellung in Rosenheim zu sehen; die Ausstellungsmacher ließen die Funde auf eigene Kosten restaurieren, danach kamen sie zurück in die Wetterau.

 

Einzigartig ist auch der Silberschatz aus Ober-Florstadt. Die 1000 Münzen waren zuletzt in der niedersächsischen Landesausstellung in Braunschweig zu sehen. Auch andere Exponate werden bundesweit verliehen. Der römische Meilenstein, der die Entfernung von Friedberg nach Nida (Heddernheim) anzeigt, ist derzeit im Berliner Gropius-Bau in der Ausstellung »Bewegte Zeiten – Archäologie in Deutschland« zu bewundern.

 

500.000 Jahre alte Funde

Bei Münzenberg lebte vor 500 000 Jahren der Homo Erectus, dessen Fauskeile ebenso zu sehen sind wie kleine Idole, kultisch verehrte Götterbilder, die in Nieder-Mörlen am Hempler gefunden wurden. »Hier lässt sich zeigen, wie der Mensch sesshaft wurde«, sagt Kögler. Rund 2400 Jahre alt ist ein keltisches Halsringfragment, das 1906 am Glauberg gefunden wurde, lange vor dem spektakulären Fund der Keltenfürstenstatue.

Düster wirkt die Sonderausstellung über die Landwirtschaft von 1800 bis 1950. Ein Glanzstück ist ein 90 Jahre alter Lanz Bulldog, das Urbild eines Traktors. Hier gibt es viele große Texttafeln, was zeigt, dass die Ausstellung schon vor Jahrzehnten konzipiert wurde. Heutzutage sind lange Texttafeln selbst schon ein Museumsrelikt. Hinter den schwarzen Vorhängen verbergen sich die großen Fenster zum Stadtkirchenplatz. Wird die Idee eines Cafés samt neuem Eingang umgesetzt, muss die Ausstellung weichen.

 

Bürger dürfen mitreden

Es geht übrigens noch weiter. Im Obergeschoss warten der Kolonialwarenladen, die riesigen Stadtansichten, das geheimnisvolle Lutherschwert. Und im vierten Teil der Ausstellung über den Ersten Weltkrieg kann man am PC die Kriegsberichterstattung in Regionalzeitungen recherchieren. »Wir wünschen uns natürlich mehr Besucher«, sagt Kögler. Ideen, wie das Museum zeitgemäßer umgestaltet wird, gebe man. »Aber das ist ein offener Prozess. Wir werden sehen, welche Ideen die Bürger haben.«

Info

Bürgerversammlung im Museum

Was wird aus dem Wetterau-Museum? Schon vor über zehn Jahren hat sich eine Arbeitskreis mit dieser Frage beschäftigt. Die Ergebnisse von damals sollen jetzt wieder aufgegriffen und weitergedacht werden. Die Sanierung und Umgestaltung ist eines der Projekte, die im Rahmen des ISEK-Prozesses zur Stadtentwicklung mit Unterstützung durch Fördergelder umgesetzt werden sollen. Am Donnerstag, 22. November, soll es hierzu eine Bürgerversammlung im Wetterau-Museum geben (Beginn: 18.30 Uhr). Eine Idee besteht darin, an Stelle der Landwirtschaftsausstellung ein neues Foyer mit Museumscafé einzurichten. Der Haupteingang würde dann zur Stadtkirche hin verlagert. (jw)

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