26. August 2018, 12:00 Uhr

Leben nach Hirnblutung

Yasin will weiterkämpfen

Yasin Yüçel hat sich ins Leben zurückgekämpft. 2009 hätte es für den jungen Mann aus Dortelweil mit 14 Jahren schon zu Ende sein können. Als er damals einen Cousin besuchte, bekam er plötzlich Kopfweh und kippte um. Eine Hirnblutung beendete sein normales Leben, das er bis dato geführt hatte. Yüçel war ein begeisterter Fußballer, ein »temperamentvoller Junge«, wie seine Mutter erzählt.
26. August 2018, 12:00 Uhr
Yasin Yücel an seinem Arbeitsplatz in der Aral-Tankstelle in Karben, hinter der Verkaufstheke an der Kasse. (Foto: Müller/bf)

Yasin musste fast alles neu lernen: sprechen, lesen, schreiben, laufen. Zusammenhänge konnte er kaum noch verstehen. Die Hirnblutung hatte das Sprachzentrum im Gehirn schwer beschädigt. Seitdem leidet er an Aphasie. Sie tritt auf, wenn der Gehirnbereich geschädigt ist, der die Sprachfunktionen umfasst.

Yüçel, der infolge der Hirnblutung zudem ein eingeschränktes Gesichtsfeld hat, wurde zweimal am Kopf operiert. Sein Zustand besserte sich. »Wir haben dafür gekämpft, dass er nicht noch kränker wird und Depressionen bekommt«, sagt die Mutter. Logopädie, Ergotherapie und Physiotherapie halfen. Trotz der schweren Behinderung machte er mit individueller Unterstützung an der John-F.-Kennedy-Schule in Bad Vilbel den Hauptschulabschluss. In einer Tankstelle in Karben konnte der damals 18-Jährige sogar eine Ausbildung zum Verkäufer beginnen. Das war im August 2013.

Heute steht er mit 23 Jahren aber ohne Berufsabschluss da. Und das, obwohl er seit über zwei Jahren alle Bedingungen erfüllt, um die Abschlussprüfung anzutreten. Auch sein Chef, Dominic Schulze, ist sehr zufrieden mit ihm. Zuverlässig, ehrlich, bei Kollegen geschätzt sei Yasin, und er wolle immer Neues lernen, sagt der Tankstellenpächter.

Keine Assistenz bei Prüfungen

Doch die Industrie- und Handelskammer (IHK) Gießen-Friedberg macht es ihm nicht einfach. Sie erlaubt dem jungen Mann zwar Texte im Großdruck und 50 Prozent mehr Zeit, verweigert ihm aber eine persönliche Assistenz in den Prüfungen.

Der Assistent habe die Aufgabe, Prüfungsfragen in die sogenannte Einfache Sprache zu übersetzen und seinen Mandanten bei der Formulierung der Antworten zu unterstützen, erklärt Yüçels Rechtsanwalt Michael Goetz. Sein Mandant sei darauf angewiesen, dies bekräftigten mehrere Fachleute. Zudem habe er schon in der Hauptschule, bei seiner Abschlussprüfung dort sowie in der Berufsschule eine Assistenz in Anspruch nehmen dürfen, berichtet Goetz, der Vorsitzender des hessischen Landesverbandes Aphasie ist. 2015 und 2016 versuchte Yüçel die Prüfungen ohne die geforderte Assistenz zu schaffen – und scheiterte. Er habe noch immer »erhebliche Sprach- und Wortverständnisstörungen«, eine Konzentrationsschwäche und könne rechts nichts sehen. »Er benötigt deshalb einen Nachteilsausgleich. So wie ein gehörloser Mensch einen Gebärdendolmetscher braucht und ein blinder Mensch einen Vorleser«, sagt der Rechtsanwalt.

Fall vor Verwaltungsgericht

Die IHK bewertet die geforderte persönliche Assistenz als eine »Überkompensation der Behinderung und somit eine Bevorzugung«, wie es Goetz formuliert. Seit dem vergangenen Jahr beschäftigt die Angelegenheit das Verwaltungsgericht Gießen.

Fragen zum Fall beantwortet die IHK mit Verweis auf das aktuelle Gerichtsverfahren nicht. Dabei hat das Verwaltungsgericht in einem von Götz angestrengten Eilverfahren sogar die Auffassung der IHK einstweilen bestätigt. Warum der Kläger über die Zeitverlängerung hinaus noch eine persönliche Assistenz nötig habe, sei in den vorgelegten Attesten »nicht nachvollziehbar begründet« worden, urteilten die Richter. Rechtsanwalt Goetz holt deshalb zurzeit ein Gutachten von Walter Huber ein, das seine Sicht bestätigen soll. Der emeritierte Medizinprofessor ist einer der führenden Aphasieforscher.

An dem Bad Vilbeler Yüçel nagt die Situation gewaltig. »Ich habe keine Lust mehr.« Aufgeben will er trotzdem nicht. »Ich bin so kurz vor dem Ende.« Tankstellenpächter Schulze stellt sich hinter ihn. Er hat den Ausbildungsvertrag bislang immer weiter verlängert. Das Verhalten der IHK kann er nicht begreifen.

»Für junge Aphasiker gibt es viele Hürden im Schul- und Ausbildungsalltag«, sagt Rechtsanwalt Goetz. Der Jurist aus Stadtallendorf hofft, dass das Verwaltungsgericht seine Meinung im Hauptverfahren doch noch ändert und seinem Mandanten die persönliche Assistenz zubillige. Es sei etwas ganz Seltenes, dass es jemand mit Aphasie überhaupt so weit schaffe.

Info

"Belastender Schwebezustand"

Dass es bei der Hilfe für Yasin Yüçel um einen Ausgleich gehe, bestätigt auch Maren Müller-Erichsen, die Beauftragte der Hessischen Landesregierung für Menschen mit Behinderung. Familie Yüçel hatte sie kontaktiert. Es gehe darum, Herrn Yüçel die gleichen Chancen zu geben und dieselbe Ausgangslage zu schaffen wie für einen Auszubildenden ohne Behinderung. »Warum sich die IHK bis heute nicht bereit erklärt hat, eine Anpassung der Prüfung vorzunehmen und weitere Gesprächsanfragen zur Klärung abgelehnt wurden, ist für mich nicht nachvollziehbar«, sagt Müller-Erichsen. Dies sei ein für den jungen Mann sehr belastender Schwebezustand. Der Bundesverband Aphasie versteht unter Aphasie eine »erworbene Sprach- und Kommunikationsstörung«. Sie tritt auf, wenn der Gehirnbereich geschädigt ist, der die Sprachfunktionen umfasst. Dem Verband zufolge sind mehr als 100 000 Menschen in Deutschland von Aphasie betroffen. Weitere Informationen über Aphasie gibt es unter www.aphasiker.de. (bf)

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