08. Januar 2019, 17:00 Uhr

Nutria-Plage

Warum sind die Bad Vilbeler Nutrias verschwunden?

Die Nutrias rund um die Bad Vilbeler Wasserburg sind verschwunden. Wohin sind die Tiere so plötzlich hin? Ein Tierarzt und Umweltfachleute geben überraschende Antworten.
08. Januar 2019, 17:00 Uhr
Die Nutrias sind eine invasive Tierart. Natur- und Umweltschützer sehen Vorteile darin, dass sie kaum noch im Burgpark unterwegs sind. (Foto:pv)

»Wo sind die Tiere?« Der ältere, rüstige Herr beobachtet beim Spaziergang vom Bad Vilbeler Mühlensteg Richtung Quellenhof die Wiesen und das Unterholz. Hier, direkt neben dem Graben der Wasserburg, ist nirgends ein Nutria zu sehen. Seit Monaten ist kaum noch eine Biberratte zu sehen. »Alle fragen sich, was mit den Tieren passiert ist«, sagt der Spaziergänger.

Wenn die Population noch mehr ansteigt, kann es gefährlich werden

Michael Schwarz, Naturschützer

Auch bei der Stadt Bad Vilbel zuckt man mit den Schultern (diese Zeitung berichtete). In der Fachwelt aber ist man weder besorgt, noch traurig: »Die Art macht Probleme und tritt in Konkurrenz zu heimischen Arten«, sagt Michael Schwarz aus Bad Vilbel. Er war lange Jahre Vizechef der Unteren Naturschutzbehörde im Wetteraukreis, ist erst seit wenigen Tagen Pensionär. Die hierzulande nicht heimischen Tiere seien fürs Ökosystem ein Problem, weiß Schwarz – an der Nidda wie vielerorts in Europa. Längst hat die Europäische Union deshalb ein »Management« etabliert, mit dem Bestände begrenzt und ein weiteres Ausbreiten verhindert werden sollen.

 

Falle informiert Jäger per SMS über Fang

Diese Aufgabe fällt den Jägern zu – in Bad Vilbel unter anderem Dr. Johannes Tekotte, Tierarzt aus Dortelweil. Seine Jagdreviere ziehen sich entlang der Nidda mit dem Areal des Gronauerhofs sowie den Gemarkungen Dortelweil und Massenheim. Um die Zahl der Nutrias zu reduzieren, nutzt Tekotte Lebendfallen. Diese schließen sich automatisch, sobald ein Tier darin ist – das Tier bleibt am Leben. Über einen Sender wird der Jäger per SMS informiert, um den Fang überprüfen zu können.

Johannes 

Tekotte
Johannes Tekotte

Nutrias hingegen werden per Schuss getötet. »Im Sinn der Tierschutzes und der Nachhaltigkeit«, sagt der Jäger. »Die Population einzudämmen ist der richtige Weg«, bejaht Umweltexperte Schwarz die Nutria-Jagd. »Wenn die Population noch mehr ansteigt, kann es gefährlich werden.«

Zum einen legten sich die Nager gern auf Brutplätze der Wasservögel, erläutert Tekotte. »Damit werden die Gelege zerstört.« Das kann zu erheblichem Schwund bei Wasservögelpopulationen führen.

 

Steigern Nutrias die Hochwassergefahr?

Auch Muscheln stünden auf dem Speisezettel der Nager, ergänzt Experte Schwarz. Das gefährde die Existenz dieser seltenen Arten. Durch ihr Fressen schädigen Nutrias zudem Unterwasser- und Uferpflanzen wie den Röhricht, warnt Tekotte. Fehle der Bewuchs, könnten Ufer und Dämme einbrechen. Im Bereich des Gronauerhofs hätten die Tiere das Ufer schon fünf bis zehn Meter weit unterhöhlt. »Es ist nur eine Frage der Zeit, bis das darüberliegende Erdreich einbricht und sich der Fluss hier ausbreitet.«

Damit erhöhe sich die Hochwassergefahr, mahnt Schwarz. »Und die Nidda ist ja noch zu großen Teilen eingedämmt.« Vor solchen Schäden im Bereich der Wasserburg fürchten sich auch die Verantwortlichen der Stadt. Bei einem stehenden Gewässer wie dem Burggraben könnten zudem Ausscheidungen der Nutrias zu Fisch- und Entensterben führen, warnt der Bad Vilbeler Gewässerökologe Gottfried Lehr.

 

96 Tiere gefangen

Zwar nicht in der City, aber nördlich und südlich davon hält Jäger Tekotte die Nutria-Bestände in Schach. 96 Tiere habe er binnen knapp zwei Jahren gefangen. Ob Tiere aus dem Burgpark in die leereren Bereiche vor der Stadt umziehen? »Wenn dort quasi ein Vakuum entsteht, ist das möglich«, sagt der Tierarzt. Er vermutet eine Krankheit als Ursache. Als fremde Art seien Nutrias dafür anfällig. Oft brächen ganze Populationen so nach kurzer Zeit zusammen

Ein weiterer Faktor könne zudem den Nutria-Bestand im Burgpark reduziert haben: »Die Leute füttern nicht mehr so viel«, hat Lehr beobachtet. Und er zollt den Bad Vilbelern dafür ein dickes Lob. »Das ist der Beste, was man machen kann.« 

Info

Sechs Fakten über Nutrias
  • Nutrias sind keine heimische Art. Sie stammen aus Südamerika, wurden erst vor einigen Jahrzehnten von Züchtern und Privatleuten hier- zulande ausgesetzt.
  • Bis nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Nutrias in Privathaushalten als Nutztiere gehalten, ihr Fleisch gegessen.
  • Um die Bestände zu begrenzen, dürfen Nutrias in der EU seit 2016 nicht mehr gehalten oder gehandelt werden.
  • Die EU fordert das Ende der Fütterung der Tiere und Aufklärung der Bevölkerung.
  • Zudem hat die EU eine Bestandskontrolle angeordnet. Was nichts anderes bedeutet, als dass Nutrias gefangen und dann getötet werden sollen.
  • Nutrias sind nicht die einzige Art, die das ökologische Gleichgewicht an der Nidda gefährden. Unter anderem gehören laut Gottfried Lehr Nilgänse ebenso dazu wie Waschbären.

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  • Erschießungen
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