10. September 2018, 08:00 Uhr

Stadt zahlt drauf

Knatsch ums 1-Euro-Ticket, weil Fahrgastzahlen steigen

Viele Bürger sind glücklich, dass sie billig Bus fahren können. Doch bei der Stadt Karben sorgt das 1-Euro-Ticket für Ärger. Und zwar mit dem Rhein-Main-Verkehrsverbund.
10. September 2018, 08:00 Uhr
Zwischen der Stadt und dem Rhein-Main-Verkehrsverbund gibt es Streit um die Erlöse aus den Verkäufen für die preisgünstigen Fahrscheine. (Fotos: pe/Archiv)

Das Paar aus Kloppenheim wartet an der Haltestelle Bürgerzentrum. Gerade waren sie in »deftig&fein« zum Essen, haben noch das zweite Glas Wein getrunken und wollen jetzt wieder nach Hause. »Unser Bus kommt gleich, wir freuen uns, dass wir so preiswert wieder heim kommen.«

So wie dieses Paar machen es viele. Seit Januar 2017 können ÖPNV-Nutzer innerhalb Karbens für einen Euro mit Bus oder Bahn fahren. Das ist nicht nur für diejenigen interessant, die abends noch ein wenig feiern und nicht mehr Autofahren wollen. Das ist auch für die interessant, die zum Einkaufen ins Stadtzentrum fahren, oder für diejenigen, die nicht täglich fahren, aber beispielsweise von Petterweil zum Bahnhof wollen. Für Bewohner aus Kloppenheim und Petterweil bringt das 1-Euro-Ticket die größte Ersparnis. Denn vor dessen Einführung mussten sie 2,60 Euro für eine Einzelfahrt zahlen. Für Fahrgäste aus anderen Stadtteilen hat sich der Fahrpreis halbiert; sie hatten vorher 2 Euro zu zahlen.

 

Stadt zahlt 70 000 Euro

Was Fahrgäste freut, ärgert die Stadt. Aber nicht etwa, weil mehr Karbener nun mit Bus und Bahn unterwegs sind, sondern weil die Stadt erhebliche Gelder an den Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV) abführen muss. Im Jahr 2017 wurden gut 34 000 dieser Billigtickets verkauft. Der städtische Verkehrsexperte Ekkehart Böing hat ausgerechnet, dass sich per Saldo für den RMV Mehrerlöse von rund 26 000 Euro pro Jahr ergeben.

Durch das Billigticket erhält der Nahverkehr deutlich mehr Fahrgäste, die Stadt hat davon aber nichts. Grund: Vertraglich ist festgelegt, dass der RMV von der Stadt pro Fahrgast so viel Geld erhält, als würden die Tickets noch 2 bis 2,60 Euro kosten. Je mehr Fahrgäste also die Busse innerhalb der Stadt nutzen, desto mehr Geld muss die Stadt an den RMV abführen. Das kommt aus der Stadtkasse. Für dieses Jahr rechnet das Rathaus bei weiter gestiegenen Fahrgastzahlen sogar mit rund 70 000 Euro.

 

Verhandlungen gefordert

»Wir als Stadt sorgen dafür, dass wir mehr Fahrgäste auf den Bus bekommen. Und dann werden wir noch dafür bestraft, indem wir für zusätzliche Kunden die Subvention zahlen müssen«, ist Bürgermeister Guido Rahn sauer. Er hat Vertreter des RMV und der für den ÖPNV im Kreis zuständigen Verkehrsgesellschaft Oberhessen ins Rathaus eingeladen. Verhandlungen seien erforderlich, »um die Anrechnung der Mehrerlöse aus der Steigerung der ÖPNV-Nutzer zu regeln«, begründet Rahn.

RMV-Sprecher Maximilian Meyer sagt, im Vorfeld sei bereits mit der Stadt Karben vereinbart worden, dass diese »die vollständigen Mindereinnahmen gegenüber dem regulären RMV-Tarif übernimmt«. Die Mindereinnahmen aus RMV-Sicht resultierten vornehmlich aus Verkäufen im lokalen Verkehr, aber zusätzlich auch daraus, dass die S-Bahn im Stadtgebiet Karben in den 1-Euro-Tarif fällt.

 

VGO direkter Ansprechpartner

 »Welche Fahrten nur aufgrund des reduzierten Einzelkartenpreises durchgeführt wurden, ist insbesondere aufgrund von Wanderungen aus anderen Sortimentsstellen sehr schwierig und wenn überhaupt nur durch eine gezielte Fahrgasterhebung festzustellen«, betont Meyer. Beispielsweise weil Fahrgäste nun statt einer Wochenkarte 1-Euro-Einzelkarten erwerben. »Eine solche Fahrgasterhebung würde einen unverhältnismäßig hohen Kostenaufwand im Verhältnis zum Einnahmenausfall bedeuten«, erklärt er.

Ob ein RMV-Vertreter zu den Gesprächen über diese Fragen ins Rathaus kommt, darf bezweifelt werden. Denn Meyer betont, dass direkter Ansprechpartner der Gemeinden im RMV-Tarif ausschließlich die lokalen Nahverkehrsorganisationen seien. Man darf gespannt sein, ob ein VGO-Vertreter der Einladung ins Rathaus folgt. Sicher ist aber, dass die VGO alleine nichts entscheiden kann – und wieder den RMV fragen muss. Darüber könnten Monate ins Land gehen.

 

Meinung

Nicht locker lassen

Schon einmal hatte sich der Bürgermeister darüber beklagt, dass man dem RMV aus der Stadtkasse die Garantiesumme des Ticketverkaufs auf Karbener Stadtgebiet zahlen müsse. Dass die unterschiedlichen Ansichten nun öffentlich aufeinanderprallen, kann man gut nachvollziehen. Immerhin muss die Stadt für dieses Jahr rund 70 000 Euro an den Verkehrsverbund überweisen, mehr als doppelt soviel wie ein Jahr zuvor. Inhaltlich hat Rahn recht: Durch Preisreduzierung für die Fahrscheine und flankierende Werbung lockt die Stadt immer mehr Fahrgäste auf Busse und Bahnen. Formal hat allerdings der Verkehrsverbund recht: Einmal geschlossene Verträge sind einzuhalten. Und da steht drin, dass die Stadt pro Fahrgast den vollen RMV-Tarif zu zahlen hat und nicht nur den Karbener Tarif. Die ganze Misere hat allerdings einen ganz anderen Ursprung, nämlich die Tarifgebietseinteilung. Urheber: der RMV. Der hat Karben in zwei Zonen mit unterschiedlichen Ticketpreisen eingeteilt. Jetzt ist das Tarifsystem einfach und übersichtlich: eine Fahrt ein Euro. Die Stadt sollte beim RMV nicht locker lassen, denn sie hat die Umwelt auf ihrer Seite. Denn jede Busfahrt vermeidet eine Autofahrt.

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