29. August 2018, 05:00 Uhr

Bad Vilbel und Karben

Keine Leihräder mehr im Wetterauer Süden

Mit großer Begleitmusik waren die Projekte in den beiden Städten der südlichen Wetterau gestartet worden. Das Unternehmen Byke wollte ein Leihfahrradsystem aufbauen und platzierte deshalb knallig blau-gelbe Räder im Stadtgebiet. Doch jetzt kam überraschend das Aus.
29. August 2018, 05:00 Uhr
Die Leihfahrräder der Byke Mobility GmbH sind aus dem Stadtbild von Karben und Bad Vilbel verschwunden. Die Firma hat das Projekt überraschend beendet. (Foto: pe)

Es geht den Rathauschefs nicht anders als den Privatleuten. Sie erhalten plötzlich Post mit unangenehmem Inhalt. Die traf kürzlich in den Rathäusern der beiden Südwetterau-Städte ein. Absender: Die Firma Byke Mobility GmbH. Der Inhalt: Rückzug aller Fahrräder aus den Stadtgebieten und Ende des Modellprojektes.

Dabei war das Fahrrad-Verleihsystem im Januar in Bad Vilbel und im April in Karben groß publiziert gestartet worden. 50 der Fahrräder für das Bike-Sharing hatte Byke Mobility in Bad Vilbel verteilt. Zum offiziellen Start hatten sich sogar die beiden Geschäftsführer Julia Boss und Martin Voss in die Festspielstadt begeben.

Drei Monate später tauchten die ersten Leihräder in der Nachbarstadt Karben auf, offenbar ausgeliehen in Bad Vilbel. Und so startete die Byke GmbH im April auch in Karben. Das passte ins Konzept der Verantwortlichen, denn sie versuchen den überbordenden innerörtlichen Autoverkehr zurückzudrängen und die Karbener zum Fahradfahren zu bewegen.

Dazu wurde die Aktion »Karben steigt aufs Rad« gestartet. Zu den vielfältigen Aktivitäten passte das Bike-Sharing-Angebot des Berliner Start-up-Unternehmens. So ist es kein Wunder, dass die Rathausspitze im April bei einem offiziellen Termin für das Modell warb.

Ähnlich war es in Bad Vilbel, wo der Erste Stadtrat und Verkehrsdezernent Sebastian Wysocki lobende Worte für das Projekt fand. Und in Karben, wo 15 Bikes zur Verfügung standen, zeigte sich Bürgermeister Guido Rahn angetan von dem neuen Service.

Rahn reagiert verärgert

Doch nach einem halben Jahr in Bad Vilbel und einem Vierteljahr in Karben ist Schluss. Auch aus anderen Standorten zog man die blau-gelben Räder zurück: In Dreieich, Egelsbach, Hanau, Langen und Rödermark stehen keine Byke-Räder mehr. Laut der Briefe, die in den Rathäusern eingingen, seien wirtschaftliche Gründe dafür ausschlaggebend. Auf Facebook begründet das Unternehmen den Schritt damit, dass im Vergleich zu Frankfurt die Nutzungszahlen zu niedrig, die Service- und Wartungskosten hoch seien, ebenso die Vandalismusrate. Für eine Stellungnahme sind die Verantwortlichen von Byke seit Tagen für diese Zeitung nicht erreichbar.

In Karben reagierte Bürgermeister Guido Rahn verärgert. Noch im Juni habe er eine Anfrage in der Stadtverordnetenversammlung beantwortet. Da habe man bei Byke nachgefragt und zur Antwort erhalten, es laufe alles gut. »Zwei Wochen später kam der Brief mit der Absage.« Die Stadt Karben habe nachgefragt, ob sie nicht eventuell unterstützen könne. »Für 800 bis 1000 Euro pro Monat hätte die Firma ihre Räder stehen gelassen«, berichtete das Stadtoberhaupt jetzt in der jüngsten Stadtverordnetensitzung.

Bei der Stadt Karben hat sich der stellvertretende Fachdienstleiter und Verkehrsplaner Ekkehart Böing für den Aufbau des Fahrrad-Verleihsystems eingesetzt. Hintergrund ist eine Kampagne der Stadt, mit der die Karbener zum Umstieg aufs Fahrrad bewegt werden sollen. »Wir haben Byke noch logistische Unterstützung angeboten«, sagt Böing auf Anfrage dieser Zeitung.

Genützt hat das alles nichts. »Aus kaufmännischen Gründen« habe man die Versuche eingestellt. Man konzentriere sich nur noch auf die Metropolen. In Frankfurt stehen die blau-gelben Räder noch, ebenso in Berlin und im Ruhrgebiet. In der Nachbarstadt Bad Vilbel hat man Verständnis für die betriebswirtschaftlichen Gründe. »Eigentlich war Byke aber zufrieden mit dem Standort Bad Vilbel. Deshalb hat uns die Absage doch sehr überrascht«, gesteht Stadtsprecher Yannick Schwander.

Politisches Nachspiel

In der Brunnen- und Festspielstadt dürfte der Abzug der Räder noch ein politisches Nachspiel haben. Die stellvertretende SPD-Ortsvereinsvorsitzende Mirjam Fuhrmann hat das mitgeteilt, da sich der Erste Stadtrat Wysocki mit dem neuen Landrat Weckler noch im Landratswahlkampf mit den Byke-Leihrädern habe ablichten lassen, »erwarten wir jetzt eine offene Debatte, wie mit der Situation umzugehen ist«.

Meinung

Unsanfte Landung

Wie naiv ist man eigentlich in den Rathäusern von Bad Vilbel und Karben? Glaubt man dort allen Ernstes, dass die Menschen vom Auto aufs Fahrrad umsteigen? Heute wird doch nahezu fast alles mit dem Auto erledigt: Brötchen holen, Kinder zur Kita, zur Schule und zum Sport fahren… man könnte die Beispiele beliebig fortsetzen. Es mangelt doch nicht an gut gemeinten Appellen. Und dann bedient man sich noch eines Start-up-Unternehmens, das vollmundige Versprechungen von einer schönen heilen Fahrradwelt gibt, in Wirklichkeit aber knallhart kalkulieren muss, um überleben zu können. Das Versprechen, durch das Leihfahrradsystem den Individualverkehr reduzieren zu können, hält angesichts immer bequemer werdender Menschen und komfortabler ausgestatteter Autos einer kritischen Prüfung nicht stand. Und diejenigen, die wirklich überzeugte Radfahrer sind, brauchen doch gar kein Leihfahrrad, sie besitzen längst eigene Räder. Die Versuche, Menschen zum Stehenlassen ihrer Blechkarossen zu bewegen, kommen um Jahre zu spät. Die große Politik setzt nach wie vor aufs Auto, und vor Ort haben die Kommunen kaum eine Chance, diese für die Umwelt schädliche Verkehrspolitik abzumildern. Durch den Rückzug von Byke sind die Regierenden in den Rathäusern, auch aufgrund eigener Blauäugigkeit, leider unsanft gelandet.

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