12. September 2018, 14:00 Uhr

Karben

Karbener Senioren als Detektive

Es ist nicht gerade die Regel, dass ein 90-Jähriger eine große Reise macht. Johann Sepp hat es getan. Der ehemalige Rendeler ist vor Jahrzehnten nach Australien ausgewandert. Jetzt kam er nach Klein-Karben zum Ehepaar Dermann. Gemeinsam leistete man Detektivarbeit.
12. September 2018, 14:00 Uhr
Sie tauschen Erinnerungen aus: Johann Sepp und Margaretha Dermann mit der Witwe von »Schorsch« (M.), der in seinem Heimatort als »Schuss« bekannt ist. (Fotos: pv)

Immer wieder hört man, dass Deutsche nach Australien ausgewandert sind. Ein solcher Auswanderer ist der Karbener Johann Sepp. Bereits 1952 kehrte er Deutschland den Rücken und entdeckte Australien als seinen Lebensmittelpunkt.

Bevor Sepp auswanderte, arbeitete er in Rendel bei der Firma Edgar Kost. Dort gab es eigentlich alles zu kaufen: Lebensmittel, Bier, Baustoffe. Mit ihm arbeitete dort ein Kollege, den alle nur »Schorsch« genannt haben. Der war Fußballfan seines Heimatortes Stadtallendorf. Eines schönen Tages gastierte die Eintracht Stadtallendorf auf dem Günter-Reutzel-Sportfeld beim damaligen KSV Klein-Karben. Auf der Tribüne lernten sich »Schorsch« und Johann Dermann kennen. Man kam ins Gespräch, in deren Verlauf Dermann ihm erzählte, dass er selbst einen Bruder in Australien habe. Paul Dermann war 1954 in den fernen Kontinent ausgewandert, also zwei Jahre später als Johann Sepp. Per Zufall kam »Schorsch« auf seinen früheren Arbeitskollegen aus Rendel zu sprechen, Johann Sepp. Mit diesem stand Dermann schon lange in telefonischer Verbindung. »Schorsch« bat den Klein-Karbener, ihm die Telefonnummer zu geben. Seitdem standen Sepp und Schorsch in Verbindung.

 

Große Wiedersehensfreude

Mittlerweile ist Johann Sepp 90 Jahre alt. Er hat allen Mut zusammengenommen und ist in seine frühere Heimat gereist. In Berlin und Duisburg hat er Verwandte besucht. Bevor es wieder zurück nach Australien ging, hat der Senior noch einen Freundschaftsbesuch in Klein-Karben am Günter-Reutzel-Sportfeld gemacht, wo die Dermanns wohnen. Die Wiedersehensfreude war groß: Es trafen sich zwei Männer wieder, die sich Jahrzehnte zuvor auf dem Fußballplatz kennengelernt hatten.

Rasch entstand die Idee, diesen »Schorsch« zu suchen. Der 84-jährige Johann Dermann und seine 81 Jahre alte Frau Margaretha machten sich zusammen mit ihrem Gast auf den Weg nach Stadtallendorf. Und dort leisten die drei Senioren wahre Detektivarbeit, vor allem Johann Dermann. »Ich wollte nicht aufgeben, bevor ich nicht diesen Schorsch gefunden hatte.«

 

Suche im heißen Stadtallendorf

Trotz der Hitze machten sich alle auf die Suche. Einen Anhaltspunkt gab es: Johann Sepp wusste noch, dass »Schorsch« damals in der Bahnhofstraße 6 wohnte. Dermann erzählt: »Wir haben dort geklingelt und gefragt. Eine Nachbarin hat wieder einen anderen Nachbarn gerufen, aber niemand von den jetzigen Bewohnern kannte ihn.« Doch Johann Dermann suchte weiter. Er fuhr zum Rathaus und fragte an der Pforte. »Dort wollten sie zunächst neun Euro haben für einen schriftlichen Antrag.« Das habe er nicht bezahlen wollen.

 

Johann Dermann (r.) mit seinem Besucher aus Australien: Johann Sepp.
Johann Dermann (r.) mit seinem Besucher aus Australien: Johann Sepp.

Die Dermanns und Johann Sepp erhielten dann unerwartete Hilfe. Zwei junge Leute, wie sich später herausstellte Eintracht Stadtallendorf-Fans, bekamen das Gespräch an der Pforte mit. Einer von ihnen habe einen Angestellten im Rathaus gefragt. Alle rätselten gemeinsam und bekamen heraus: Es musste sich um den eingefleischten Fan handeln, den sie nur »Schuss« riefen. Seinen Spitznamen hatte er deswegen, weil er im Stadion bei allen möglichen Gelegenheiten während eines Spiels »Schuss« rief. Schnell bekam man die Adresse heraus. »Er wohnte in der Jahnstraße 6«, berichtete Dermann. Das Klein-Karbener Ehepaar und ihr Besucher aus Australien wurden von einem freundlichen Stadtallendorfer zu der Adresse gefahren. Dort erfuhren sie, dass »Schuss« im März verstorben war. »Wir haben aber mit der Witwe sprechen können«, sagen die Dermanns.

Ihr Besucher ist längst wieder abgereist, aber das Klein-Karbener Ehepaar erinnert sich noch immer gerne an diese »amüsante und nicht alltägliche Begebenheit«.

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