30. Mai 2017, 17:00 Uhr

Aufklärung

Homosexualität – Alles nur keine »Sünde«

Wie gehen junge Leute mit Homosexualität um? Eine Lehrstunde, was eine offene, freie, vielfältige Gesellschaft ausmacht, haben jetzt 140 Kurt-Schumacher-Schüler erhalten.
30. Mai 2017, 17:00 Uhr
Kabarettist Malte Anders (Timo Becker) arbeitet auf der Bühne mit Schattenbildern, um über das Anderssein zu informieren. (Foto: jsl)

Intoleranz entsteht durch Unwissen und durch fehlendes Auseinandersetzen mit Tabuthemen. Gerade unter Teenagern zieht Intoleranz oft viele Probleme nach sich: Ausgrenzung, Diskriminierung, Mobbing, Gewalt. Homosexualität ist ein solches Tabuthema. Statistisch gesehen gibt es in jeder Schulklasse ein bis zwei Homosexuelle. Viele Jugendliche interessieren sich dafür, woher diese Neigung kommt. Sie merken ja auch, dass während der Pubertät mit ihnen selbst etwas passiert. Auf den Schulhöfen ist es wichtig, cool zu sein.

Dessen ist man sich an der Kurt-Schumacher-Schule in Karben bewusst. Um mehr Verständnis zu schaffen, wird bereits zum zweiten Mal ein besonderer Sexualkundeunterricht angeboten. Malte Anders, der im wahren Leben Timo Becker heißt, lehrt in der Aula eine Schulstunde »Homologie«. Das, was sich nach einem richtigen Unterrichtsfach anhört, ist nichts anderes als eine von ihm erdachte Kabarett-Show. Innerhalb von knapp 50 humorvollen Minuten versucht der Theaterpädagoge und Comedian, die Jahrgangsstufe acht für das Thema zu sensibilisieren. Bei fast 140 pubertierenden Teenagern ist das ein Wagnis. Doch Malte Anders geht in seinem Programm offen und direkt auf die Jugendlichen zu. Dass er selbst schwul ist, macht er sofort klar. »Und – denkt ihr jetzt, dass ich deswegen rot werde?«, fragt er. Das wirkt authentisch und kommt gut an.

 

Schüler in der Pflicht

 

Schulleiterin Ursula Hebel-Zipper nimmt die versammelten Schülerinnen und Schüler in die Pflicht. Sie spricht von einer »außergewöhnlichen Veranstaltung und einem Angebot, das es nicht an jeder Schule gibt«. Aus diesem Grund erwarte sie eine normale Herangehensweise. Die Schüler sollten die Gelegenheit nutzen, um fair und offen mit dem Thema Homosexualität umzugehen.

Während seiner Show sorgt Malte Anders für viele Lacher. Er arbeitet dabei wie ein Lehrer mit Bildern und Powerpoint-Folien, die an die Wand projiziert werden. Klar, es handelt sich ja auch um ein Schulfach. So wird den Schülern vieles verständlicher. Vergleiche mit der Homosexualität in der Tierwelt, schwule Fußballspieler, lesbische Fußballspielerinnen, US-Soldaten, die nackt in einem Musikvideo tanzen. Das Thema wird facettenreich, aber einfach dargestellt.

 

Vorteile der Freiheit

 

»Vorurteile entstehen durch Bilder, für die das Gehirn eine Schublade sucht, aber keine findet«, sagt Malte Anders. »Dann schaltet das Gehirn in den Offline-Modus und es kommt zu verbalen Ausbrüchen.« Mobbing und Gewalt seien die Folge davon. Nach der Aufführung, für die der 33-jährige Comedian viel Beifall erhält, darf jede Person aus dem Publikum eine Frage aufschreiben. Danach kommt Anders zurück auf die Bühne, um zu antworten. »Beim letzten Mal waren zwei oder drei Beleidigungen dabei«, erinnert sich Schulsozialarbeiterin Anette Kehrbaum. »In diesem Jahr verläuft die Diskussion viel offener und die Schüler machen mehr mit. Das zeigt auch der Zwischenapplaus.« Beleidigungen gibt es zwar keine, ganz ohne eine Anspielung geht es dann aber doch nicht ab: Auf einem Zettel steht in Arabisch »Sünde«. Der Kabarettist reagiert darauf völlig besonnen und macht deutlich, dass zu einer offenen und freien Gesellschaft auch die gleichgeschlechtliche Liebe gehöre.

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