11. Februar 2019, 20:26 Uhr

Heimat ist ein Ort der Sehnsucht

11. Februar 2019, 20:26 Uhr
Der erste von vier Theatergottesdiensten zum Thema Heimat spielt in der Nachkriegszeit und trägt den Titel »Der Flüchtlingsbub und die Kartoffeln«. (Foto: cf)

Klein-Karben im Oktober 1946. 1800 Menschen lebten im Dorf. Rund 700 Flüchtlinge und Vertriebene waren zu den 1100 Einwohnern hinzugekommen. Die »Neubürger« wie Mutter und Sohn Fitzeck aus Breslau, wurden bei den »Einheimischen« einquartiert. Beide Parteien mussten Bad, Küche und das tägliche Leben miteinander teilen. Konflikte waren programmiert.

Die Neuankömmlinge hatten ihre Heimat und ihren Besitz durch den Krieg verloren. Das Schicksal von Ehemann und Vater Karl Fitzeck ist ungewiss. Die Klein-Kärber befürchteten ihre Heimat durch die »Neuen« zu verlieren. Verunsicherung und Angst sind schlechte Ratgeber wie die Geschichte der »Flüchtlingsbub und die Kartoffeln« exemplarisch zeigt, die im Theatergottesdienst am Sonntag in St. Michalis an die Nachkriegszeit erinnerte.

Was zunächst als alltäglicher Konflikt unter Menschen beginnt, steigert sich zum Kriminalfall. Im Zentrum des Geschehens stehen Bauer Walter (Christoph Jobs, 24) und seine Frau Erna (Julia Zeifang, 18) sowie der Flüchtlingsjunge Friedrich (Dennis Noll, 14) und seine Mutter, Frau Fitzeck (Theresa Henke, 20).

Die unterschiedlichen Lebensstile und Wertvorstellungen von Städtern und Dörflern prallen aufeinander. Zurück nach Hause können die Fitzecks nicht, denn »in Breslau sind die Russen«. Im dörflichen Klein-Karben fühlen sich die Städter nicht wohl, denn es »stinkt bis zum Himmel«. Die Bäuerinnen riechen nach Heu und saurer Milch, laufen »in Säcken« herum wie die Städterin findet.

Für die Frauen vom Land sind die Städterinnen vornehm, benutzen 4711, leben beengt und haben noch nie mit den Händen in der Erde gewühlt. »Ich habe fürchterlichen Hunger, Mutter«, klagt Teenager Friedrich. »Du musst dich bis morgen gedulden. Dann bekomme ich neue Lebensmittelkarten.« Derweil isst Hausherr Walter Kartoffeln mit Soße. Als er mehr Soße haben will, erklärt ihm Ehefrau Erna: »Ich habe der Fitzeck die Soße gegeben. Die hat nichts zu essen und kein Geld. Sie hat ihre letzten Perlen gegen Kartoffeln eingetauscht.«

Der Bauer tobt, lässt seinem Unmut gegenüber den Fremden freien Lauf. Da sieht er wie Friedrich den Hof verlässt. Er geht ihm nach, »erwischt« ihn mit vom Feld aufgelesenen Kartoffeln. »Ich habe doch nur Hunger gehabt«, jammert Friedrich. Der Bauer will an ihm ein Exempel statuieren, ihn zur Abschreckung anderer »Diebe« aufhängen. Bäuerin Erna rettet den Jungen in letzter Minute.

»Bei allem Hunger und der großen Not geht es in dieser wahren Geschichte vor allem um Angst. Um die vor Verlusten, vor Fremden und vor einem anderen Blick auf das Leben«, verdeutlichte Pfarrer Werner Giesler. Dabei sei damals wie heute in der Welt und in Klein-Karben alles in stetiger Veränderung. »Das ist das Leben«, sagt Giessler. Und zitiert aus dem Hebräer Brief, Vers 14: »Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.«

Weitere Heimat-Gottesdienste

Heimat bedeutet für den Bauern Sicherheit. Die Beteiligten sind durch die Orte Breslau und Klein-Karben, durch die jeweiligen Landschaften, ihre Dialekte und Mentalitäten geprägt, erläutert der Pfarrer. »Heimat ist mehr als ein Ort, in dem wir die Kindheit verbracht haben. Es ist ein Ort der Sehnsucht nach Unversehrtheit und Geborgenheit. Ein Ort, an dem weiß ich: Hier gehöre ich hin. Hier will ich bleiben.« Doch so wie das Volk Gottes im alten Bund seien alle Menschen Gäste auf Erden. »Wichtig ist, wie wir mit dieser Erkenntnis umgehen. Welche Konsequenzen für unser Leben wir daraus ziehen, wenn nichts, was uns umgibt, Bestand hat«, sagte Giessler. Insgesamt werden vier Theatergottesdienste, jeweils an jedem zweiten Sonntag im Monat, in der evangelischen St. Michaelis Kirche gefeiert.

Die Besucher aus den Kirchengemeinden Rendel und Klein-Karben dankten den jungen Darstellern für ihr Engagement und ihr Spiel mit anhaltendem Applaus.

Es folgen weitere Gottesdienste zum Thema Heimat, kündigt Pfarrer Giesler an.

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