31. Oktober 2018, 08:00 Uhr

Bad Vilbel

Büchereibrücke fürs Lebensgefühl der Stadt

Kann eine Brücke voller Bücher, DVDs und CDs sowie einem Café das Lebensgefühl einer ganzen Stadt prägen? Ja, meinen die Verantwortlichen in Bad Vilbel. Fünf Jahre steht die auffällige Mediatheksbrücke nun. Sie hat die Stadt nicht nur optisch verändert.
31. Oktober 2018, 08:00 Uhr

Von Holger Pegelow , 2 Kommentare
Die seit fünf Jahren bestehende Stadtbücherei sei für ganz Bad Vilbel ein Gewinn, sagen (v. l.) Dr. Thomas Stöhr, Annette Zindel-Strauss, Bettina Hoppmann-Schrader und Claus-Günther Kunzmann. (Fotos: pe)

Wer früher mit dem Auto durch die Frankfurter Straße gefahren ist und zum Einkaufen, zu Ärzten oder Rechtsanwälten oder in die Kneipe wollte, hatte ein Ziel: den Zentralparkplatz. Eine triste Fläche mit Pkw-Stellplätzen, einigen kleinen Bäumchen drauf, einem Obst- und Gemüseladen sowie einem Bistro an der Seite. Die Nidda war in der Nähe und man konnte einen Spaziergang machen. Über einen schmalen Steg gelangte man über den Fluss in den Kurpark und zum Kurhaus.

Wer heute dieselbe Stelle ansteuert, dem bietet sich ein komplett anderes Bild. Den Platz gibt es noch, aber er ist gar nicht wiederzuerkennen. Autos parken in der Tiefgarage, links und rechts stehen moderne Bauten mit Geschäften, in der Mitte ein großer, moderner Platz mit Sitzgelegenheiten und kleinen Wasserspielen. Aus dem schmalen Steg ist eine breite Brücke geworden. Und optisch ragt ein schwarzer, mit viel Glas versehener Bau heraus: die Stadtbücherei.

 

Kritiker: Brücke zu monströs

Bad Vilbel hat in der Mitte sein Gesicht kolossal verändert. »Die Stadt hat einen gewaltigen Sprung nach vorne gemacht«, sagt der Fachbereichsleiter Kultur, Claus-Günther Kunzmann. Wenn er von diesen Veränderungen erzählt, merkt man ihm an, wie es in ihm brodelt. Das wundert nicht, denn er war mit Stadtrat Klaus Minkel, Hansgeorg Jehner und Bürgermeister Thomas Stöhr einer derjenigen, die sich für die Modernisierung der Innenstadt massiv eingesetzt hat. Allerdings wäre das Gesamtprojekt fast gescheitert: Ein Bürgerentscheid verfehlte das notwendige Quorum nur knapp. Der Entscheid stand am Ende einer monatelangen, zeitweise erregt geführten Debatte. Bei der ging es weniger darum, dass die Parkplätze unter die Erde sollten, als vielmehr um die Bücherei, die vielen zu monströs erschien und von der die Gegner glaubten, sie verdecke den Blick auf das altehrwürdige Kurhaus und baue die Nidda zu.

Die heftigen Debatten entzweiten die Stadt: Befürworter und Gegner standen sich völlig unversöhnlich gegenüber. Heute, genau fünf Jahre nach der Eröffnung, sind die Narben verheilt, die Büchereibrücke mit Café, gegenüberliegendem Restaurant, den Aussichtsstufen auf die Nidda und vielem mehr ist zu einem wahren Treffpunkt geworden.

 

Familien im Blick

»Wir haben ein kleines Ausrufezeichen für die Entwicklung unserer Stadt gesetzt«, sagt Bürgermeister Thomas Stöhr. Kunzmann geht noch weiter: »Wir haben der Stadt ein Lebensgefühl gegeben«, sagt er. Hier sei eine super Kombination entstanden von Bibliothek, Geschäften und Gastronomie.

Täglich ist das in diesem heißen Jahr bewiesen worden: Die Tische und Stühle in den beiden Gastro-Betrieben waren ständig belegt, in der nahen Eisdiele holten sich viele eine süße Erfrischung und setzten sich auf die breiten Stufen an der Nidda.

Die wegen ihrer ungewöhnlichen Architektur einst umstrittene Büchereibrücke überspannt die Nidda.
Die wegen ihrer ungewöhnlichen Architektur einst umstrittene Büchereibrücke überspannt die...

Auch im Innern ist viel los. Die Arbeitsplätze in der Bücherei sind gut angenommen. Rund 50 000 Medien – Bücher, CDs und DVDs – locken viele Interessierte ebenso an wie das kostenlose WLAN. Wer sich dort länger aufhält, kann sich aus dem Café einen Capuccino oder einen Tee holen und ihn mit in die Büchereiräume nehmen.

Rund 20 Kräfte sorgen dafür, dass die Medien am richtigen Platz stehen, gepflegt sind und dass sich die Leseratten und Bücherwürmer wohlfühlen. Die wichtigste Zielgruppe sind die Familien, sagt Büchereileiterin Bettina Hoppmann-Schrader. Es gibt ein größeres Veranstaltungsprogramm für Kinder und Jugendliche. Man kooperiert mit der Kunstschule, lädt die Grundschulen ein und bald auch die U3-Kinder der Kitas. 42 Stunden pro Woche ist geöffnet. »Wir haben in all den Jahren nicht eine Stunde früher schließen müssen«, sagt die Leiterin. »Denn einer springt für den anderen ein, wenn es personell eng wird.«

Lesen, Essen, Trinken und Einkaufen, all das bildet in der Stadtmitte eine gut angenommene Verbindung. Auch die Gegner haben mit dem Platz ihren Frieden geschlossen. Die Frequentierung der Bücherei – 400 000 Ausleihen pro Jahr und 257 000 Besucher – gibt Kunzmann und anderen Befürwortern recht. Und er atmet tief durch, wenn er daran denkt, wie knapp das Votum damals war: »Ich bin superfroh, dass das Projekt nicht gescheitert ist. Sonst wäre das ein Desaster für die Stadt geworden.«

 

Stadtbücherei Bad Vilbel

Kochbücher im Trend

Die zentrale Stadtbücherei lässt sich Bad Vilbel einiges kosten: Rund 700 000 Euro beträgt der Gesamthaushalt. Darin enthalten sind fünfeinhalb Stellen für das Personal, hinzukommen Honorarkräfte. Der Etat für Neuanschaffungen beträgt laut Kunzmann 100 000 Euro pro Jahr. »Davon können wir 5000 bis 7000 neue Medien kaufen.« Hoppmann-Schrader betont, dass man mit der Literatur immer auf dem neusten Stand sei. »Denn die Leute verlangen viel Aktuelles.« Und was wird besonders häufig ausgeliehen? »Ratgeber und Reiseführer sind beliebter als Belletristik«, sagt die Leiterin. Dagegen seien Bildbände im Erdkundebereich nicht mehr gefragt. »Aber Kochbücher sind im Trend.« (pe)

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