04. September 2018, 19:13 Uhr

Bei Kilometer 846 streikt das Knie

04. September 2018, 19:13 Uhr
MDB
Helmut Hörnis ist schon mehrfach mit dem Rad nach Frankreich gefahren. In diesem Sommer wieder, hier stoppt er vor dem Museum in Schengen (Luxembourg). Vom Teil seines Gepäcks und dem Hänger trennte er sich unterwegs. (Foto: pv)

Mit dem Ziel, die Normandie zu erkunden und Freunde zu besuchen, startete der 77-jährige Helmut Hörnis seine Fahrradtour. »Unterwegs habe ich jemanden getroffen, der mir empfahl, an der Mosel entlang mit dem Zug zu fahren.« Also stieg er in Bingen ein und in Trier wieder aus. Das habe ihm Steigungen und vier Tage gespart. Sein Weg gen Westen ging weiter über Schengen (Luxemburg) nach Thionville in Frankreich.

»Ich kam an die Rezeption des Campingplatzes und mir wurde gesagt, dass alle Plätze besetzt seien«, erzählt der Bad Vilbeler. »Die Frau dort hat mir erstmal ein Glas kaltes Wasser gebracht und mir dann doch noch einen Platz zum Schlafen gegeben.« Auf dem Campingplatz plaudert er mit einem anderen Tourenfahrer, der gibt ihm den Tipp: Weniger Gepäck mitnehmen.

Dass er den Rat nicht umgehend befolgte, bereute er schon am nächsten Tag. Acht Kilometer habe er sein Gespann den Berg hoch geschoben. »Ich habe bei meinem Freund im Garten gezeltet, am nächsten Morgen die Hälfte meines Gepäcks bei ihm gelassen«, erzählt der 77-Jährige. Das habe aber immer noch nicht gereicht. Schon an der ersten Steigung sei er umgekehrt, um den kompletten Anhänger abzustellen.

Sattel gebrochen

Einen Tag später das nächste Missgeschick: In Bar Le Duc bricht der Sattel. »Als ich am Fahrradgeschäft ankam, wollte der Besitzer gerade abschließen.« Den neuen Sattel bekommt er trotzdem. Am nächsten Tag nimmt er den Zug nach Paris. Nach einer Stadtrundfahrt macht er sich schließlich auf den Weg nach Chartres. »Nachts werden dort die Gebäude mit Motiven in unterschiedlichen Farben beleuchtet«, schwärmt er. Unterwegs schickt er weitere viereinhalb Kilogramm überschüssiges Gepäck nach Hause.

Schließlich erreicht der 77-Jährige Saint-Sever, die Partnerstadt Niederdorfeldens sein Ziel. Dort besucht er den Bürgermeister und erweist einem verstorbenen Freund auf dem Friedhof die Ehre. Wegen heftiger Knieschmerzen disponiert Hörnis um, er fährt mit dem Zug zurück nach Paris. Hier verpasst er die letzte Bahn nach Frankfurt. Er muss bis zum nächsten Morgen ausharren, will die Nacht im Bahnhof verbringen. Kurz vor Mitternacht wird der Bahnhof geräumt, Hörnis muss die Nacht im Freien verbringen. »Hätte ich das gewusst, hätte ich mir ein Hotelzimmer genommen, das sind halt Erfahrungen, die man macht.«

Trotz aller Strapazen kommt er am nächsten Tag zu Hause in Bad Vilbel an. 864 Kilometer ist er während seiner Tour geradelt. »Ich hatte sehr viel Spaß und habe viele nette Menschen kennengelernt.«

Erste Tour vor fast 40 Jahren

Die Idee zu seiner Tour liegt schon Jahre zurück. Beim Feuerwehrfest 1979 in Niederdorfelden seien Feuerwehrkollegen aus Saint-Sever zu Gast gewesen. »Ich hatte eine Baskenmütze auf und die französischen Freunde meinten, ich sähe wie ein Franzose aus und dass ich sie mal besuchen sollte«, erzählt Hörnis. Er komme wegen der Spritpreise lieber mit dem Rad, konterte er. »Sie haben mich gefragt, ob ich überhaupt wüsste, wie weit das wäre.« Im nächsten Jahr ging’s mit 15 Radlern nach Saint-Sever. Fortan besuchten sie sich Jahr für Jahr gegenseitig per Rad. »Damals waren wir auch alle noch fitter.«

Vor zwei Jahren habe er die gleiche Tour mit seinen Enkelsöhnen machen wollen. Allerdings sei sein Akku schneller leer gewesen als gedacht. So hätten sie frühzeitig umkehren müssen. Dieses Jahr seien seine Enkel im Ausland und so habe er beschlossen, alleine zu fahren. »Ich habe es nicht bereut«, sagt er. Sicherheitshalber habe er vorab mit seinem Hausarzt besprochen, der das Okay gab.

Hörnis ist ein bekennender Europa-Befürworter. Für ihn ist Europa die Zukunft. Mit seiner Fahrradtour habe er auf kleinstem Niveau etwas dazu beitragen wollen. Sicher ist für ihn, dass er in Saint-Sever wieder aufs Rad steigen wird, um die Normandie zu erkunden.

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