12. Oktober 2018, 19:58 Uhr

Ausgrenzung und Hetze

Im November jährt sich zum 80. Mal die sogenannte Reichskristallnacht. Am 10. November 1938 wurde die Synagoge in Groß-Karben in Brand gesetzt. Doch Ausgrenzung, Hetze und Verfolgung von Juden begannen in dem damals selbstständigen Ort noch viel früher.
12. Oktober 2018, 19:58 Uhr
Irma Mattner und Hartmut Polzer sichten noch einmal das Material, das sie in den ersten beiden November-Wochen im Bürgerzentrum zeigen werden. (Fotos: pe/pv)

Wenn Hartmut Polzer über die heiß diskutierten Vorgänge in Chemnitz spricht, schwillt ihm der Kamm. Man merkt regelrecht, wie sehr ihn die rechtsradikalen Parolen und Übergriffe in der ostdeutschen Stadt quälen. Denn der Kopf der Initiative »Stolpersteine in Karben« befasst sich schon seit Jahrzehnten mit den Judenverfolgungen vor allem in seinem Wohnort Groß-Karben. Die Parallelen zwischen dem heutigen rechtsradikalen Treiben und den damaligen Verbrechen sieht er nur allzu deutlich. »Was mit Ausgrenzung und Hetze anfing, hat mit Gewalt und Mord geendet«, sagt Polzer. Und so ist ihm wichtig, dass in der Bevölkerung das Bewusstsein darüber und vor allem die historischen Zusammenhänge wachgehalten werden. Deshalb bereitet der 71-Jährige zusammen mit seiner Frau Irma Mattner seit knapp einem Jahr eine Ausstellung anlässlich des 80. Jahrestages der »Reichskristallnacht« vor. »Die wollen wir im Bürgerzentrum zeigen. Dort, wo viele Menschen hinkommen, wenn sie ins Rathaus oder zu einer Veranstaltung gehen.« Vom Bürgermeister habe man sofort Unterstützung erhalten, ebenso vom Eventdienstleister Satis&Fy, der die zehn großen Stellwände kostenlos zur Verfügung stellt.

An diesen Wänden werden ab 1. November 50 Dokumente zu sehen sein, viele davon bislang noch nie veröffentlicht. Denn Mattner/Polzer haben intensiv in den Staatsarchiven recherchiert und dabei noch Unbekanntes zutage gefördert. Allen voran ein Gerichtsurteil vom 22. Januar 1949. Damals waren zwölf Männer wegen Landfriedensbruchs angeklagt, unter ihnen der damalige Bürgermeister von Groß-Karben. Das Urteil: Ein Jahr Gefängnis für den Bürgermeister, vier weitere Täter verurteilt, die anderen seien freigesprochen worden. Polzer wundern die milden Urteile nicht, hätten doch in der Justiz noch viele Richter mit brauner Vergangenheit gesessen.

In der Ausstellung wollen die beiden engagierten Senioren auch mit dem Gerücht aufräumen, die Übergriffe gegen Juden in Groß-Karben von 1938 hätten SA-Leute aus dem benachbarten Okarben zu verantworten. »Da war nur einer aus Okarben dabei. Die anderen stammten aus Groß-Karben«, haben Mattner und Polzer recherchiert. »Das waren Nachbarn, die das angerichtet haben.« Dabei hatten Juden und Christen damals sogar einen gemeinsamen Stammtisch.

Die Ausstellung wird ebenso zeigen, dass Ausgrenzung und Hetze gegen Juden schon vor 1938 begonnen hatten, so etwa gegen Max Strauss, der in der Wilhelmstraße einen Schuhladen und eine Metzgerei betrieb. Oder dass Salli Braun aus der Burg-Gräfenröder Straße schon 1933 ins KZ Osthofen deportiert worden sei. Es sind auch die Groß-Karbener namentlich aufgeführt, die damals im KZ waren. Die Aussteller lassen ebenso Rosa Rosenthal, eine Überlebende der Pogrome, zu Wort kommen. Ausgehängt wird ein Protokoll ihrer Vernehmung. Namen der Täter werden dagegen nicht genannt. »Wir wollen nur Geschichte darstellen«, sagt Polzer. Denn in Groß-Karben leben noch viele Angehörige. Alle Dokumente seien aber belegt, und alle Zeugenaussagen habe man geprüft oder sie mit Belegen im Staatsarchiv Darmstadt abgeglichen. Die Ausstellung endet mit einem Zitat des damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker von 1985: »Wer vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart.« »Das unterschreiben wir Wort für Wort«, sagen Mattner und Polzer.

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