30. Dezember 2015, 19:43 Uhr

Die Lichter der Therme sind aus

Bad Nauheim (hau). »Hessens modernstes und größtes Thermalsolehallenschwimmbad« in Bad Nauheim wurde bei seiner Eröffnung am 16. September 1972 »Therme am Park« genannt. Am Dienstag war der letzte Badetag. Die Stimmung bewegte sich zwischen Wehmut und Hoffen.
30. Dezember 2015, 19:43 Uhr
Zum Abschluss noch mal Bahnen ziehen.

Seit Tagen brummt es in der Therme am Park. »Da kommen nur noch Schlüssel rein wie raus«, erklärt am Dienstag ein Badegast seinem Kumpel. Tatsächlich stehen die Menschen geduldig Schlange, bis wieder ein Schlüssel zurückgegeben wird und damit Platz für einen neuen Schwimmer oder Saunisten ist. »Wir arbeiten noch unsere Zehnerkarte ab«, sagen die einen. Andere möchten einen schönen Familiennachmittag im Schwimmbad verbringen, ohne zu wissen, dass dies ihr letzter in der ehrwürdigen Therme sein wird. Um 22 Uhr wird geschlossen. Finito, aus und vorbei nach 43 Jahren.

Die Parkautomaten auf dem Schwimmbadparkplatz haben schon geschlossen. Vorm Haupteingang steht Albert Scherer mit Flyern von der Bürgerinitiative pro Thermen-Sanierung. Eigentlich habe man nach der Parlamentssitzung vom 15. Oktober ja schon aufgegeben. Seine Initiative wolle aber nun doch den letzten Versuch starten und für eine in ihren Augen kostengünstigere Sanierung des Bades werben. Geschätzt 500 Unterschriften will der Architekt an diesem letzten Thermen-Nachmittag sammeln und bei Stadtverordnetenvorsteher Prof. Dr. Friedrich-Karl Feyerabend einreichen.

»Das war einzigartig hier«

Indes durchpflügt eine junge Frau strahlend das 27 Grad warme Wasser im Außenbecken. Das Wasser schimmert scheinwerferblau unter einem dampfenden Schleier, über dem gelb angestrahlten Raben-Turm geht idyllisch der Mond auf. Zwei Stunden Autofahrt hat sie auf sich genommen, um ein letztes Mal im Bad ihre Runden zu drehen. »Ist das nicht wunderbar? Hier draußen ist man fast allein, während sich drinnen die Leute knubbeln.« Ein Mitschwimmer ist unsicher, wo er demnächst adäquates Thermalwasser aufsuchen soll. Bis nach Bad Reichenhall reichen die Gedanken. »Bad Homburg ist nur warm aber keine Sole«, sagt jemand. Ein anderer erklärt den Weg nach Bad Salzhausen. »Ist zwar kleiner, aber die haben das gleiche Wasser.« »Wir wollten nur schön schwimmen wie schon so oft«, erzählt Johannes Moser aus Butzbach. »Unsere Tochter hat hier schwimmen gelernt, das ging gut wegen der Sole«, erinnert er sich. Die Saunabesuche mit seiner Frau würden ihm sicher fehlen. Sie seien von der Schließung überrascht worden. »Das war einzigartig hier, ich bin wirklich sehr traurig«, gesteht der junge Mann. Eine Dame hält dagegen: »Vielleicht findet sich ja noch ein reicher Investor, der das Bad saniert.«

Helga Ott kommt jede Woche mit ihrer Freundin Susi Hess zum Schwimmen in die Therme. Dass es noch keinen Investor gebe, bedauere sie sehr. »Ich bin für einen Neubau«, unterstreicht die Bad Nauheimerin. Man dürfe sich nicht der Zukunft verschließen, solle an die nachkommenden Generationen denken und dass eine Sanierung wahrscheinlich immense überraschende Kosten mit sich bringen werde. »Wir werden jetzt woanders zum Schwimmen gehen, aber wir kommen wieder, das ist doch klar«, sagt Ott.

»In der Sauna war es so voll wie nie«, erzählt Bernd Heinisch aus Wölfersheim. Seit fünf Jahren war er Stammgast. Wohin jetzt, weiß auch der Musiker noch nicht. Genossen habe er zum Abschied Jürgen Wagners geistreiche Sauna-Lesung. Andere erzählen von Picknickkörben im sozusagen ausverkauften Bistro, hier und da sieht man Badegäste mit Geschenken für die Mitarbeiter. Die bewahren bei allem Trubel ihre freundliche, zuvorkommende Art.

»Die Mitarbeiter haben Großartiges geleistet«, lobt Erste Stadträtin Brigitta Nell-Düvel. Bis zuletzt in der dem Untergang geweihten Therme zu arbeiten, sei sicher nicht immer leicht gewesen. Nach der derzeitigen Beschlusslage stehe der Therme ein Abriss bevor, der Neubau solle nach dem jüngsten Beschluss nun doch an den Sprudelhof angegliedert werden. Das werde wohl länger dauern als »nur« ein Neubau und erfordere die enge Zusammenarbeit mit dem Denkmalschutz und der Stiftung Sprudelhof. Eine Lenkungsgruppe erstellt Nell-Düvel zufolge derzeit ein Raumprogramm.

Wie lange das dauern werde, sei schwierig abzuschätzen. Fest stehe aber: »Wir wollen eine Therme, und das so schnell wie möglich.« Eine Sanierung bei laufendem Betrieb sei ohnehin nie möglich gewesen. Überhaupt hätten die Techniker den Betrieb nur mit viel Herzblut und Tricks am Laufen gehalten. »Viele Ersatzteile gibt es gar nicht mehr.« Überdies hätte ein neues Brandschutzkonzept hergemusst. »Die Betriebserlaubnis wurde nur bis Jahresende verlängert – unter der Option, dass dann geschlossen wird. « Nach der Kündigung durch die Stiftung stehe dann auch das Badehaus 7 nicht mehr als Lagerraum zur Verfügung, nennt Nell-Düvel ein weiteres Argument gegen eine Sanierung. Allein in ein neues Lager für Salzsäure zur Wasseraufbereitung hätte man einen hohen sechsstelligen Betrag investieren müssen. Nicht zuletzt hätte man laut Nell-Düvel ein neues Kassensystem gebraucht. Bis zur Fertigstellung einer neuen Therme sei man als Badestadt aber gut aufgestellt, verweist Nell-Düvel auf Heilmittel wie den Ausschank von Heilwasser in der Trinkkuranlage, an 600 Meter Gradierbauten nebst Inhalatorium, Gesundheitsgarten, Kneippbecken.

»Mit dem heutigen Tag enden alle Vorgänge mit unserem Unternehmen«, gibt Rainer Pethran telefonisch Auskunft in seiner Funktion als Geschäftsführer der Firma GMF in Neuried bei München. In den vergangenen zehn Jahren hatte das Unternehmen unter vielen anderen auch die Bad Nauheimer Therme betrieben. Alle ihre Vorschläge seien nicht zum Zug gekommen, sagt Pethran. »Unseren Vertrag haben wir im gegenseitigen Einvernehmen aufgelöst.« Was weiter passieren werde, wisse er schlichtweg nicht.

Blick in die Historie

»In glasklarem Solewasser gesundschwimmen« hatte die Wetterauer Zeitung zur Eröffnung des Thermalsole-Schwimmbades am 16. September 1972 getitelt. Gerühmt wurde seither das Thermalwasser »mit dem Salzgehalt der Nordsee«, seine positive Wirkung auf Rheuma und Hauterkrankungen, Atmungsorgane und Immunsystem. 8,9 Millionen Mark hatte sich das Hessische Staatsbad das landesweit »modernste und größte« Bad seiner Art kosten lassen. Für weitere 9,4 Millionen Mark wurde 1988 ein Therapiebecken angebaut und das gesamte Bad mit seiner aufwendigen Technik überholt. Als am 7. November 1988 »Zweite Premiere « gefeiert wurde, war die Rede von monatlich 22 000 Gästen und von einem »wichtigen Umsatzträger«, der Defizite in anderen Bereichen mindern sollte. 2005 ging das Thermalbad in städtischen Besitz über. Die Symbiose aus drei Schwimmbecken, Saunalandschaft, Panorama-Café, Bistro und Wellness-Oase galt als gelungen. Nach langem Hin und Her ist die derzeitige Beschlusslage: Abriss und Neubau mit Anschluss an den Sprudelhof. (hau)

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