11. Juni 2013, 17:28 Uhr

Schäfereien verdienen zu wenig

Vogelsbergkreis (au). Großen Anklang bei Schafhaltern, Behörden und Verbänden findet die alljährliche länderübergreifende Fachexkursion in Hessen und Thüringen zum Thema »Landschaftspflege«. Ausrichter waren jetzt der Schafhalterverein Vogelsberg und das Amt für den ländlichen Raum.
11. Juni 2013, 17:28 Uhr
Kreisschäfermeister Roland Barthelms/Thüringen mit dem Schäferehepaar Edeltraud und Karlheinz Konrad aus Schotten-Rainrod.

Als Schwerpunkt hatten die Ausrichter die »Aussagen zu sozioökonomischen Untersuchungen im Rahmen des Naturschutzgroßprojektes Vogelsberg und dem Life+ Projekt Wetterauer Hutungen« gewählt. Klaus Schönfeld, ehemaliger Vorsitzender des Schafhaltervereins und Amtsleiter Klaus-Peter Mütze, zeigten sich bei der Begrüßung der über 30 Teilnehmer, am Naturschutzinformationszentrum Hoherodskopf erfreut, dass wieder gelungen sei, Schafhalter, Naturschützer und Behördenvertreter des Landkreises, Regierungspräsidiums und des Ministeriums an »einen Tisch« zu bekommen, um die Probleme der Landschaftspflege beider Länder gemeinsam zu besprechen.

Wie groß derzeit die Probleme sind, wurde beim Besuch der Merinolandschafherde von Karl-Heinz Konrad (Schotten-Rainrod) am Gackerstein gegenüber dem Hoherodskopf, deutlich. Der lange Winter und jetzt die große Nässe erforderten ein besonderes Management. Gerade durch die lange Stallhaltung seien hohe Kosten durch die Zufütterung von Kraftfutter entstanden. Auch beim zweiten Besichtigungspunkt der morgendlichen Exkursion auf der Heidefläche des Naturschutzgebietes »Spitzenhorst« vor dem Bilstein zeigten sich Probleme bei der Beweidung. Für eine große Herde sei die Bebuschung mittlerweile so stark, dass man keine Übersicht über die Herde habe. Ernst Happel, ehemaliger Geschäftsführer des Naturpark »Hoher Vogelsberg«, wies auf die vor fast 20 Jahren durchgeführten Entbuschungsmaßnahmen im Rahmen des damaligen Naturschutzinvestionsprogramms hin, die mittlerweile aber nicht mehr erkennbar seien. Sebastian Stang, Projektleiter des Naturschutzgroßprojekts Vogelsberg, informierte darüber, dass eine Einzäunung vorgesehen sei, um eine Schafherde auch einmal für mehrere Tage auf dieser Fläche weiden zu lassen. Bezüglich der starken Bebuschung sei auch die Beweidung mit Ziegen geplant.

77 Betriebe befragt

Stang erläuterte im Anschluss im Naturschutz-Informationszentrum die Ergebnisse zur sozioökonomischen Analyse bei der Befragung von 77 Betrieben innerhalb des Naturschutzgroßprojekts Vogelsberger. Davon waren 45 Haupterwerbs- und 32 Nebenerwerbsbetriebe. Die Betriebsausrichtung habe mit 78 Prozent beim Grünland gelegen. Das Grünland teile sich auf in 4308 Hektar Mähwiesen, 670 Hektar Wiesen, 468 Hektar Weiden und 413 Hektar Hutungen. Unter den 77 befragten Betrieben seien sieben Schafbetriebe mit einer Durchschnittsgröße von 79 Hektar gewesen. Hauptschafrassen waren Charollais, Merino, Skudden, Bergschafe und Ostfriesisches Milchschaf.

Einige Betriebe leben bereits
von der Substanz

Für das »Life+ Projekt Wetterauer Hutungen« stellte Projektleiterin Jutta Katz die betriebswirtschaftliche Analyse vor und meinte, dass die Einzelbetriebsanalyse von zehn beteiligten Schäfereien nur eine Momentaufnahme für das Wirtschaftsjahr 2010/2011 sei und nur einen Trend der Betriebsentwicklung widerspiegeln könne. Der erzielte Erlös aus der gewöhnlichen Geschäftstätigkeit (Entlohnung/Gewinn des Schäfers) sei bei vielen Betrieben sehr niedrig und liege am Rande des gesetzlichen Existenzminimums. Weil die Abschreibungen mitberücksichtigt wurden, seien bei drei der sechs Vollerwerbsbetrieben und bei einem von vier Nebenerwerbsbetrieben negative Buchungsergebnisse zu verzeichnen, was den Schluss zulasse, dass die Betriebe von der Substanz leben und nicht mehr in der Lage sind zu reinvestieren. Ohne betriebliche Beratung und Optimierung seien die Betriebe in ihrer jetzigen Struktur aus betriebswirtschaftlicher Sicht nicht überlebensfähig.

Lammfleisch noch mit Vorurteilen
aus der Nachkriegszeit belegt

Die Erhebungsdaten der untersuchten Schäfereien wurden in einem Modellbetrieb überprüft. Eine Einkommenssituation wie Vergleichsbetriebe aus Baden-Württemberg in Höhe von 26 000 Euroerzielen, sei nur über Betriebsoptimierung und über Betriebswachstum zu erreichen. Weiter führte sie aus, dass die Betriebe im Projektgebiet keine Vermarktungsprobleme hätten, alle Tiere könnten abgesetzt werden. Der Erzeugerpreis liege im oberen Drittel des Marktpreises, eine Erhöhung könne aufgrund der Wettbewerbssituation, besonders durch die niedrigen Preise in anderen europäischen Ländern und in Übersee, nicht durchgesetzt werden. Das Bild des Schäfers und seiner Arbeit sei in der Bevölkerung sehr stark idealistisch geprägt, das Produkt Lammfleisch jedoch geschmacklich noch mit den Vorurteilen aus der Nachkriegszeit belegt.

Die Leistungen der Schäfer hinsichtlich des Naturschutzes seien dem Verbraucher noch nicht klar, meinte Projektleiterin Jutta Katz. Als einen alternativen Ansatz für das Projektgebiet stellte sie zwei Modelle vor. Eine Schäferei in öffentlicher Hand und das Modell Dienstleistungsvertrag zur Pflege öffentlicher Flächen. Diese Ansätze könnten für einzelne Betriebe eine wirtschaftliche Überlebensmöglichkeit bieten.

Zahl der Schäferbetriebe
seit Jahren rückläufig

Von den thüringischen Schäfern war zu hören, dass sich die Schäfereien an der unteren Einkommensgrenze gegenüber den anderen grünlandbewirtschaftenden Betrieben befinden. Dies kennzeichne die schwierige Situation der Schäfer, die bei gleichbleibenden Erlösen durch steigende Kosten ein unzureichendes Betriebsergebnis erwirtschafteten. Daraus resultiere auch der stetige Rückgang der Schafbestandszahlen seit Jahren.

Die extensiven Formen der Grünlandnutzung mit Mutterkühen und Schafen seien im besonderen Maße auf staatliche Zuwendungen (Betriebsprämie, KULAP, Ausgleichszulage) angewiesen. Diese Formen der Grünlandnutzung müssten auch zukünftig in angemessener Weise durch die genannten Förderinstrumente unterstützt werden.

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