11. Januar 2019, 21:26 Uhr

Er versteht auch »Platt«

11. Januar 2019, 21:26 Uhr
Ahmed Abdullah macht ein Freiwilliges Soziales Jahr im AWO-Sozialzentrum in Lauterbach. (Foto: Swen Klingelhöfer)

Er kam 2014 mit seiner Familie nach Deutschland und absolviert heute ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) bei der Arbeiterwohlfahrt (AWO). Ahmed Abdullah heißt der junge Mann, der 2002 in Aleppo auf die Welt kam und mit seinen Eltern und vier Geschwistern vor Krieg und Gewalt flüchtete und der über Umwege nach Lauterbach kam. Der 16-jährige kümmerte sich schon in der Millionenstadt Aleppo um seine Großmutter, pflegte und unterstützte sie. Als die Oma starb, machte sich die Familie auf den langen Weg.

Ein normales Leben war ohnehin nicht mehr möglich. Es fand kein Schulunterricht mehr statt, die Lebensmittel wurden knapp und die Angst, dass der Bürgerkrieg ins eigene Haus kommt, war immer gegenwärtig. An eine Zukunft für die Familie im Heimatland war seit Kriegsausbruch nicht mehr zu denken. In Deutschland angekommen, machten Ahmed und seine Familie sich erst einmal mit den deutschen Regeln vertraut, denn davon gab es viele.

Auch »Vogelsberger Platt« war am Anfang eine echte Herausforderung für den heute 16-Jährigen. Doch der Sportverein, bei dem er als Stürmer Fußball spielt, half schnell über diese Hürde hinweg.

Und auch beruflich nahm er seine Zukunft in die eigene Hand. Nach kurzer Zeit machte er ein mehrwöchiges Praktikum im AWO-Sozialzentrum Lauterbach. Älteren Menschen helfen, ein möglichst selbstständiges Leben zu führen und sie gut zu versorgen, das war ihm seit der Pflege seiner Großmutter ein Herzenswunsch. Dem Praktikum folgte einige Zeit später eine ehrenamtliche Mitarbeit, ehe er im vergangenen Sommer ein Freiwilliges Soziales Jahr im Sozialzentrum antrat.

Sein Ziel ist es, im Anschluss die Ausbildung zum Altenpflegehelfer zu machen. Wenn das alles funktioniert, scheut er sich auch nicht vor der Ausbildung zur Pflegefachkraft. Ahmed hat einiges vor. Unterstützt wird er durch das Team um Betriebsleiterin Carola Strecker. Sie hatte schon vor einiger Zeit erkannt, dass in Menschen, die nach Deutschland gekommen sind, viel Potenzial steckt. Daher war es keine schwierige Überlegung, den Leitungskräften zusätzliche Weiterbildungen anzubieten. Seit Kurzem verfügt das Haus mit Wohnbereichsleiter Christoph von Keitz und Altenpflegerin Karin Neziri über zwei Sprachförderkräfte, die das ausbildungsintegrierende Sprachenlernen zu ihrem Schwerpunkt zählen. In den 200 Fortbildungsstunden erhielten beide ein Bild über die Herausforderungen von Auszubildenden mit wenig Deutschkenntnissen: Eine echte Unterstützung im Berufsalltag für Ahmed und andere.

Inzwischen geht Ahmed vieles einfach von der Hand. Er versorgt morgens gemeinsam mit dem Fachpersonal die Bewohner, hilft beim Aufräumen nach dem Mittagessen und unterstützt das Team dabei, wenn die Kaffeezeit vorbereitet wird. Er ist mit Herz und Seele dabei und freut sich über seine Aufgabe. Dass Ahmed ein Freiwilliges Soziales Jahr absolvieren kann, ist keine Selbstverständlichkeit. Das vom Land geförderte Projekt «#socialhero – Geflüchtete in Freiwilligendiensten« hilft Menschen, die nach Deutschland geflüchtet sind dabei, schnell in der Gesellschaft Fuß zu fassen und begleitet sie auf ihrem Weg. Dennoch muss sich noch einiges verändern, wie Carola Strecker sagt. Denn wo die Kenntnisse fehlen, braucht es Begleitung. »Wir bekommen die Betreuung leider nicht erstattet«. Doch das Team im Sozialzentrum unterstützt Ahmed nach Kräften und hilft dabei, die Sprache besser zu sprechen oder die letzten Geheimnisse des Vogelsberger Platt zu lüften. Für Ahmed eine große Stütze und eine Möglichkeit, die eigene Zukunft in die eigene Hand zu nehmen.

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