06. September 2018, 21:22 Uhr

Altes Rathaus statt Leuchtturm

Man kann es hoch oben in einem Leuchtturm machen, tief unten in einer Tauch- gondel oder ganz schlicht im Trauzimmer: Heiraten. Aber zu einfach ist öde. Mücke trägt deshalb dem Trautourismus Rechnung. Jetzt gibt man sich das Jawort in einer Gaststätte oder auch im alten Rathaus von Nieder-Ohmen.
06. September 2018, 21:22 Uhr
Das altes Standesamt-Schild wird enthüllt. Es sitzt zwischen den beiden Toren des vormaligen Feuerwehrhauses, hinter den Toren ist jetzt das neue Trauzimmer. (Foto: rs)

Die Meisten machen es nur einmal im Leben – heiraten. Deshalb will man sich den Tag auch besonders schön gestalten, mit Familie und Freunden, in einem Ambiente, das man sich auf den Erinnerungsfotos später gerne anschaut. Das alte Trauzimmer in der Mücker Gemeindeverwaltung unter dem Dach war darum schon lange nicht mehr erste Wahl. Barrierefrei ist anders, und nur rund ein Dutzend Gäste hatten unter schrägen Wänden Blick auf das Traugeschehen. Schnappschüsse später auf dem Parkplatz vor der Verwaltung – man kann sich Schöneres vorstellen. In diesem Sinne kann man sich jetzt in Mücke wieder im alten Rathaus von Nieder-Ohmen trauen lassen, zudem in der Gaststätte Alte Mücke. Das Rathausumfeld ist wie gemacht fürs Foto- shooting nach der Trauung, und das Jawort in der Gaststätte verspricht zumindest kurze Wege an die Hochzeitstafel.

Von den 65 angemeldeten Trauungen in Mücke 2017 fanden 24 (43 Prozent) außerhalb statt. Das hat nach Angaben aus der Verwaltung aber nicht nur an ungünstigen Umständen vor Ort gelegen. Denn viele zugereiste Paare heiraten oft in ihrer Heimat, weil dann die ganze Verwandtschaft nicht reisen muss, und viele heiraten auch an von ihnen lieb gewonnenen Urlaubsorten.

Man muss im Vogelsberg aber nicht weit fahren, um eine ansprechende »Location« zu finden. Beliebt ist beispielsweise im benachbarten Grünberg das alte Brauhaus neben der Kirche am Winterplatz hoch oberhalb des idyllischen Brunnentales. Dort hat man Ambiente, freie Fläche und ausreichend Parkplatz. Gleiches gilt für Romrod, wo man nach der Trauung in der malerischen alten Synagoge am Bachlauf nur einen kurzen Weg durch den Schlosspark zum Schlossrestaurant hat. Und seit einigen Jahren kann man auch auf dem Homberger Schloss heiraten. Dort hat man an schönen Tagen den Ausblick aus dem Garten in das Ohmtal, an kalten Tagen wird es einem im Kaminsaal heimelig gemacht. In Homberg kann man nach wie vor auch im Rathaus heiraten. Dann heißt es aber wie in Mücke Treppe hoch in den Sitzungssaal.

Mit der erneuten Widmung des alten Rathauses in Nieder-Ohmen als Trauort kommt die Verwaltung einem seit Jahren immer wieder geäußerten Wunsch aus der Bevölkerung nach. Spätestens seit Abschluss der Renovierung macht das Fachwerkgebäude von 1555 wieder was her. Bis Mitte der 1990er Jahre konnte dort geheiratet werden, bis der Verwaltungsaufwand dafür als zu hoch eingestuft wurde. Die langjährige Mitarbeiterin Antje Müller erinnert sich: Im Vorfeld musste man nachschauen, ob zu heizen oder zu lüften war, die Utensilien mussten rübergeschafft werden, alles in allem nahm das rund eine Stunde mehr Zeit in Anspruch als das Jawort in der Verwaltung.

Aber inzwischen ist für viele, vor allem junge Paare, das Heiraten zum Event geworden, wird akribisch geplant, und da muss der Rahmen stimmen. Deshalb hatte Bürgermeister Andreas Sommer neben anderen Arbeitsgruppen in der Verwaltung die AG »Heiraten in Mücke« ins Leben gerufen. Die Standesbeamten Antje Müller, Bianca Geiß und André Kern verfielen gleich auf das alte Rathaus mit angeschlossenem Spritzenhaus, in dem der Kulturverein eine kleine Sammlung alter Gegenstände und Bilder untergebracht hatte. Diese sind nun vorerst anderweitig gelagert, ein Teil verschönert das neue Trauzimmer dort, wo einst die Feuerspritze stand. In 120 Stunden hat der Bauhof einen schönen und vor allem hellen Raum mit Putz zwischen dem Fachwerk und massiven Hölzern auf den Sockeln geschaffen. Ortsvorsteher Jörg Matthias war mit viel Eigenleistung und Ideen dabei.

Bürgermeister Sommer wertet die neue Nutzung als Beitrag zur Nachhaltigkeit, denn Altes, so schön es auch anzuschauen sein möge, werde erst durch Gebrauch nachhaltig genutzt. Die offizielle Vorstellung habe man deshalb auf den hessischen Tag der Nachhaltigkeit am Donnerstag gelegt. Jetzt sei der Teil des alten Rathausensembles wieder mit Leben erfüllt, wie man es andernorts vorgemacht habe: Sommer erwähnte den Schlachthof Gießen und die alte Scheune in Hungen. Jörg Schlosser freute sich über die Einweihung, denn die Widmung als Trauzimmer sei eine Herzensangelegenheit des Ortsbeirates gewesen.

Übrigens: Wer an Heiraten denkt, sollte eine mögliche Schlussvariante des Ehestandes nicht außer Acht lassen: In Mücke ist sie rein statistisch von erheblicher Bedeutung. Denn den 56 Trauungen im Vorjahr standen immerhin 83 Scheidungen gegenüber.

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