07. September 2018, 08:40 Uhr

Stadtjubiläum

Altes Holz und frisches Bier am Schmerofen

Der Geruch alter Zeiten lebt in Kirtorf mit Baumteer und handgebrautem Bier auf. Besucher können hinter die Kulissen der Schmerproduktion schauen.
07. September 2018, 08:40 Uhr
Reinhold Wolf stellt das Prinzip des Schmerofens beim Schaubrennen am 4. September vor. Mit zwei Gläsern zeigt er den zweischaligen Aufbau des Ofens. (Foto: jol)

Eine gelungene Feier unter alten Bäumen war das Schaubrennen. Reinhold Wolf und Helfer des Museumsvereins feuerten den Schmerofen an, um gut 70 Interessierten zu zeigen, wie in alten Zeiten das Schmiermittel für die Wagenachsen hergestellt wurde. Der Schmerofen im Waldstück an der alten Alsfelder Straße ist der einzige historische Ofen, der sich noch anheizen lässt. Seit zwei Jahren wird er durch ein Schutzdach überdeckt, um Auswaschungen der Lehmoberfläche zu verhindern. Nachteil: Wenn man ihn auf 250 Grad aufheizt, kann die Holzkonstruktion in Brand geraten. Deshalb zeigte der Heimatverein ein Schaubrennen, in dem das Anheizen simuliert wird.

Helmut Meß verwies bei der Veranstaltung auf der idyllischen Lichtung darauf, dass der Schmerofen von 1905 bis in die 1930er Jahre von Georg Jung betrieben wurde. Er habe aus Kiefernholz Schmer erzeugt und an Landwirte verkauft. 2015 haben Aktive des Heimatvereins die äußere Wand des kegelförmigen Bauwerks abgetragen und wieder neu aufgemauert.

Das Prinzip erläuterte Reinhold Wolf mit zwei Gläsern, die er übereinander stülpte. Denn der Schmerofen ist doppelwandig aufgebaut. Der kegelförmige innere Raum, die »Blase«, nimmt das Kiefernholz auf, das bei der trockenen Destillation Öl und Schmer abgibt. Die Blase wird umschlossen vom Brennraum, in dem über Tage hinweg mit Holz geheizt wurde, umfasst wird er von einer zweiten kegelförmigen Wand.

Wolf stellte auch die verschiedenen Fraktionen der trockenen Destillation von Kiefernholz vor. Die erste Fraktion, das scharf riechende Gallwasser wurde nicht verwertet, sagt Wolf. Die zweite Stufe der Destillation ergab »Kienöl«, das der Schmer-Schorsch an Apotheker verkaufte. Sie nutzten es als Grundstoff für Heilmittel. Besonders gefragt war das festere Schmer als dritte Fraktion. Es diente als Schmiermittel für die weit verbreiteten Holzachsen von Fuhrwerken. Seeleute verschmierten damit Planken und Bauern desinfizierten Wunden der Tiere.

Zudem wandelten sich die Kiedernwurzeln, die der Schmer-Schorsch in die Blase gestapelt hatte, in Holzkohle um. Das war bei Schmieden sehr gefragt, erläuterte Wolf. Reich wurde Jung mit seiner Arbeit nicht. Er konnte bei einem Brand, der einige Tage in Anspruch nahm, rund 40 Liter Schmer gewinnen. Das reichte für ein bescheidenes Leben. Bereits in den 1930er Jahren gab er das Schmerbrennen auf, weil es sich nicht so recht rentierte.

Vor der Kamera von HR-Reporter Reinhard Schall zündete Wolf das Feuer mit Kienspänen an. Normalerweise müsste über mehrere Tage hinweg ein Feuer in dem Zwischenraum zwischen Blase und Außenhaut unterhalten werden, um das Holz zum Ausschwitzen von Öl und Schmer zu bringen. Das Destillat kondensiert übrigens an den Wänden der Blase, tropft in einen Behälter am Boden und fließt über eine Röhre in einen außen aufgestellten Eimer.

Das Anheizen des Schmerofen umrahmte der Heimatverein passend, indem Timo Klos sein selbst gebrautes Jubiläumsbier ausschenkte. Es ist im April gebraut worden und war nach einigen Monaten der Reife nun trinkfertig. Der naturtrübe Gerstensaft mit leicht malziger Note wurde mit Begeisterung verkostet. Dazu gab es Würstchen mit selbstgemachtem Senf. Die würzige Note gab der Honig aus den Stöcken von Reinhold Wolf. Das Ganze kam hervorragend an.

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