28. August 2018, 12:00 Uhr

Rotmilane

Sind Abstandsvorgaben zu Windkraftanlagen groß genug?

Mit einer Studie erforschen Wissenschaftler der Uni Marburg das Leben der Gabelweihen. Dabei haben sie auch Windenergie und Ackerbau im Blick – unter anderem im Vogelsbergkreis.
28. August 2018, 12:00 Uhr
Biologin Theresa Spatz besendert einen Rotmilan. (Foto: Rösner/pixeldiversity)

Wissenschaftler der Universität Marburg wollen es genau wissen, wie Rotmilane leben, wo sie Beute finden und wie sie ihre Jungen aufziehen. Im Zentrum des laufenden Forschungsprojekts stehen mehrere Fragestellungen, wie Theresa Spatz von der Forschungsgruppe erzählt: Was bestimmt die Flugbewegungen des Rotmilans? Wie wählt er seinen Lebensraum, das »Habitat«, aus und wo baut er am liebsten seinen Horst? Und es geht darum, wie lange und von wo ein Artenschutz-Gutachter die Flugbewegungen eines Rotmilans beobachten muss, um eine spätere Beeinträchtigung durch eine Windenergieanlage zu vermeiden? Der Rotmilan ist ein besonderer Vogel für Deutschland, denn von den 25 000 Brutpaaren europaweit lebt die Hälfte in Deutschland. Etwa ein Zehntel des deutschen Bestands findet man in Hessen und dabei besonders in den Mittelgebirgen. Bezogen auf den Bestand ist der Rotmilan das häufigste Schlagopfer von Windenergieanlagen, in absoluten Zahlen trifft es beispielsweise den Mäusebussard häufiger.

Es ist für die Biologen ein mühsames Geschäft, die Rotmilane zu untersuchen. Um 20 der geschützten Greifvögel mit kleinen Sendern auszustatten, müssen sie mit einer Uhu-Attrappe und einem Riesennetz erst einmal gefangen werden. Und um festzustellen, welche Landschaften der Rotmilan besonders schätzt, werden stundenlang Äcker und Wiesen kartiert, unter anderem bei Homberg, Marburg und Schotten. Dafür hat man dann genauere Daten über die Lebensbedingungen der mächtigen Vögel, wie Theresa Spatz berichtet.

Rückschläge durch Fressfeinde

Die Biologin der Uni Marburg schreibt ihre Doktorarbeit über das Projekt, dem Team unter Leitung von Prof. Dr. Nina Farwig gehören weitere drei Biologen und aktuell fünf Studierende an. Im Verlauf bleiben Rückschläge nicht aus: So haben die Biologen im Mai und Juni dieses Jahres 13 Jungtiere kurz vor dem Ausfliegen noch in den Horsten mit den 22 Gramm leichten Sendern ausgestattet. Acht davon sind bereits von Waschbären, Habichten oder anderen Raubtieren aus dem Nest oder dessen direktem Umfeld geholt worden. Die Wissenschaftler der AG Naturschutz haben nur noch Federn und Skelettteile gefunden. In der ersten Projektphase im vergangenen Jahr haben sie 20 erwachsene Tiere mit Sendern versehen, davon sind vier bereits verstorben.

Für das Überleben der Rotmilane ist die Frage der Landnutzung wichtig, betont Spatz, Windenergieanlagen sind nur eine Sonderform davon. Es geht auch um den Mangel an Nahrung und Störungen bei der Aufzucht der Jungtiere. Der Rotmilan brütet in hohen Bäumen meist in Waldrandnähe oder Einzelbaumreihen und jagt im Offenland. Wenn nun auf Äckern moderne Feldfrüchte zu hoch und zu dicht stehen, findet der Rotmilan zu wenig Nahrung. Auch nimmt der Raubvogel gespritzte Pestizide über die Beutetiere auf.

Vögel Opfer des Straßenverkehrs

Im Rahmen des Projekts wird in einem Bereich von 3,5 Kilometern um die Horste erfasst, was auf den Äckern angebaut wird. Dreimal in einem Jahr sind Studierende der Uni Marburg jedes Gebiet abgelaufen und haben den Anbau kartiert. Durch die Verknüpfung der so aufgenommenen Daten mit denen der Sender wird analysiert, welche Felder der Rotmilan zur Nahrungssuche aufsucht, und welche Flugrichtung er dazu nimmt. Dabei sind die Tiere sehr unterschiedlich, »manche nutzen einen Bereich von fünf bis sechs Quadratkilometern, andere nutzen Flächen von über 50«, wie Spatz sagt. Zum Vergleich: Der Prüfradius für einen geplanten Windkraftstandort liegt bei drei Kilometern, im Umkreis von 1,5 Kilometern »darf in der Regel keine Windenergieanlage gebaut werden, es sei denn, es wird nachgewiesen, dass kein erhöhtes Tötungsrisiko besteht«.

Dazu kommt der Verkehr. Im vergangenen Jahr hat man zum Start des Projekts 20 Rotmilane aus ganz Hessen besendert, davon sind vier bereits tot, einer durch Straßenverkehr, ein weiterer durch einen Zug. Theresa Spatz bedauert, dass es keine Datei über Verkehrsopfer gibt. Erste Ergebnisse des Forschungsvorhabens wollen die Biologen bei Konferenzen in einem Monat präsentieren. Die ersten Veröffentlichungen werden wohl im nächsten Jahr herausgegeben. Wer mehr wissen will: www.rotmilane.de.

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