03. August 2018, 17:00 Uhr

Biografien

Auf einmal als Frau in der Kleinstadt unterwegs

Viktoria Wahl ist ein recht auffallende Erscheinung in Alsfeld. Dabei gehört einiges an Mut dazu, sich offen als transsexuelle Frau den Blicken der Anderen in einer Kleinstadt auszusetzen.
03. August 2018, 17:00 Uhr
An einem Lieblingsort in ihrer Heimatstadt: Viktoria Wahl am Grabbrunnen. (Foto: jol)

Heraus aus der Zwangsjacke des falschen Geschlechts – das hat die Alsfelderin Viktoria Wahl vor gut 20 Jahren mit ihrer schrittweisen Umwandlung vom Mann zur Frau begonnen. Die 72-Jährige sagt, sie sei glücklich über diese Entscheidung. Sie fühlte sich seit der Jugend als Frau, auch wenn sie in einem männlichen Körper steckte. Erst als 50-Jährige ging sie den Schritt zur Umwandlung des Geschlechts, gegen den anfänglichen Widerstand der Ehefrau und der vertrauten Umgebung.

»Am schwierigsten war die Anfangszeit,« sagt die Alsfelderin beim Tee in ihrer Wohnung. 1997 war das, als sie wegen Rückenproblemen eine Kur beantragte. Zuvor hatte sie als Dachdecker gearbeitet. Da wusste sie schon lange Jahre, dass sie nicht so war wie andere Männer. Heimlich hatte sie immer wieder Damenunterwäsche getragen. Beim Gespräch mit der Ärztin des Landeswohlfahrtsverbands fasste sie sich dann ein Herz und erzählte, »dass ich mehr zum Weiblichen hin tendiere«. Die Medizinerin hörte aufmerksam zu und meinte schließlich, dass der Konflikt bestimmt Ursache für das Alkoholproblem sei.

»Sie gab mir den Rat, leben Sie ihr Leben, wie sie es wollen,« erinnert sich Viktoria Wahl und strahlt. Noch vor der Rückfahrt kaufte Wahl Damenbekleidung und fuhr damit zurück in den Vogelsberg. Die nächsten Schritte waren aber alles andere als einfach nach 50 Jahren in einer anderen Rolle. Die Ehefrau wollte sich erst trennen, in mehreren Gesprächen fand das Paar wieder zusammen.

Dann musste sich Viktoria, die damals noch Gerd hieß, outen. Sie erinnert sich noch gut an das Herzrasen, als sie in Frauenkleidung das erste Mal ins örtliche Kaufhaus Kerber ging. Dort arbeiteten Bekannte und »auf einmal treffe ich dort meinen Bruder«. Panisch beschloss sie, weiterzugehen und so zu tun, als würde sie ihn nicht sehen.

Erst nach und nach fand sie in das neue Leben. Dabei halfen Psychotherapeuten, meint sie dankbar. Nach dem Tod der Ehefrau ging sie die Geschlechtsumwandlung an und schließlich die Namensänderung – auch das erforderte einige Gespräche und zog sich. Sie nutzte die neu erworbene Freiheit. Viktoria Wahl trat bereits im Jahr 2000 in einer Talkshow auf, in der das Thema »Ich lebe im falschen Körper« hieß.

Sie freute sich, als ihre Ehefrau damals vor laufender Kamera zu ihr bekannte. Und wunderte sich, dass in der Sendung auch Homosexuelle befragt wurden. Denn homosexuelle Menschen suchen Partner mit dem gleichen Geschlecht, Transsexuelle wollen ihr Geschlecht ändern. Viktoria fühlt sich von Männern angezogen, so wie sie als Mann eine Frau liebte. In Alsfeld ist das Leben als transsexuelle Person auch heute nicht leicht. Anfangs musste sie sich eine Schutzmauer aufbauen, »um mich unangreifbar zu machen«. Schmerzhaft war, dass sich Bekannte und Freunde zurückgezogen haben.

Beim Zigarettenholen hat die Inhaberin des Zeitungsladen gefragt, ob denn Fasching sei? Aber als sie kurz die Lage erklärte, habe die Inhaberin gesagt, »dann ist es ja gut« und sie hätten sich normal unterhalten. »Die Frauen haben positiv reagiert, die Männer haben sich in die Mauselöcher verkrochen,« fasst Viktoria Wahl einige Begegnungen zusammen. Ihre Mutter meinte aber: »Du hättest auch ein schönes Mädchen abgegeben«.

Schmerzlich war, dass sich die Feuerwehrkameraden zurückgezogen hatten, denn Feuerwehr ist eine Passion der Alsfelderin. Sie hat mehrere Bücher zum Feuerwehrwesen verfasst und wurde von Brandinspektoren von Hamburg und Wien zu Besuchen eingeladen: »Und das als kleines Feuerwehrmännchen,« schmunzelt Wahl. Mut machte ihr der Spruch eines Bekannten: »Egal ob Weibchen oder Männchen, es ist wichtig, was du weißt und kannst«.

Über ihre Buchprojekte ist Viktoria Wahl aus der Einsamkeit herausgekommen, die nach dem Outing entstanden war. »Es ist heute noch nicht einfach als Transmensch, man ignoriert einfach die Menschen, die nicht in die Schublade passen, in der man selbst steckt,« meint die 72-Jährige. Sie bereut den Schritt nicht: »Ich habe schließlich 50 Jahre in der Zwangsjacke gelebt,« nun fühle sie sich freier denn je. Ein Leben in einer Großstadt kann sich Viktoria Wahl nicht vorstellen. Sie kennt Deutschland, aber sie könnte sich keinen schöneren Ort als Alsfeld wünschen.

Sie freut sich, dass sie nicht mehr die einzige transsexuelle Person ist, eine junge Frau hat ihren Weg als Mann gefunden. Aber viele Transsexuelle würden sich verkriechen, weil sie die Konfrontation vermeiden wollen, sagt Viktoria Wahl. Ihnen will sie mit ihrem Buch Mut machen. Und sie möchte der Umwelt zeigen, was hinter ihrer Entscheidung steckt.

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