26. Juli 2018, 10:29 Uhr

Seniorenresidenz

Das Millionengrab am Rande von Nieder-Ohmen

Die Seniorenresidenz Falkenhorst dämmert am Rande von Nieder-Ohmen im Dornröschenschlaf. Investoren sind auf Tauchstation, nur ehemalige Käufer zahlen immer noch wertlose Wohnungen ab.
26. Juli 2018, 10:29 Uhr
Gerd Ludwig in der Seniorenresidenz Falkenhorst in Nieder-Ohmen: Ihm gehören sieben Wohnungen, die faktisch nichts wert sind.

Gerd Ludwig ist sauer. »Seit 20 Jahren hocke in dieser Sch. drin.« Dabei ist er noch mit am glimpflichsten aus der Sache gekommen, wenn man das überhaupt sagen kann. Etliche Aktenordner füllen bei ihm die Schränke, ein Ende ist nicht in Sicht. Nur der Hauptverantwortliche kann nicht mehr zur Rechenschaft gezogen werden, er ist im Frühjahr verstorben.

Rückblick: Vor 23 Jahren stand Geschäftsmann Karl Philippi in der Mücker Gemeindeverwaltung und stellte sein 40-Millionen-Projekt vor. 200 Seniorenwohnungen sollten entstehen, ein Alten- und Pflegeheim, ein Hotel, ein Restaurant, ein Café, Friseursalon, Lebensmittelladen, Apotheke, Arztpraxis und eine große Bäder- und Massageabteilung. Das Objekt sollte nach nur 18 Monaten schlüsselfertig übergeben werden. Zuvor hatten der Bauherr und Mittelsleute vornehmlich im Ruhrgebiet Wohnungskäufer angeheuert, manche erwarben sieben Wohnungen auf einen Schlag. Im Nachhinein bleibt die bittere Erkenntnis, »dass die Dummheit riesengroß war« (Gerd Ludwig) »Aber Herr Philippi war sehr überzeugend.«

Hier sollten Senioren nach oben schweben: Wasser im Fahrstuhlschacht.
Hier sollten Senioren nach oben schweben: Wasser im Fahrstuhlschacht.

Vielleicht hätte man früh auf die Idee kommen können, dass das Ganze eine Nummer zu groß war. Vielleicht hätte man es als Omen nehmen könnte, dass sich schon der Baubeginn verzögerte, weil ein Landwirt gegen das Vorhaben klagte.

Die Serie der Negativmeldungen riss nicht ab, 1997 sprang der Investor der Kurklinik ab. Zwei Jahre später stahlen Unbekannte Gerüstbauteile für 50 000 Mark. Der Anfang vom Ende. 2001 konnte eine Insolvenz nur noch mit Mühe abgewendet werden.

 

Schnellballsystem stockte

Ludwig war zu diesem Zeitpunkt der Meinung: Das Ding muss fertig werden, sonst ist das ganze Geld futsch, zehn Millionen Euro waren schon weg. Der heute 48-Jährige aus Velbert versuchte zu retten, was zu retten ist: »Philippi brauchte jemanden, der ihm den Rücken freihält.« Es galt Banken zu überzeugen, Geld zu geben, und weitere Käufer zu gewinnen. »Wo man gefragt hat, alle lobten Herrn Philippi in den Himmel.« Heute glaubt Ludwig, dahinter müsse System gesteckt haben, er vermutet Geldwäsche, die Mafia oder gar russische Hintermänner. Auch von der Justiz sieht er sich mehr als enttäuscht, die hätte längst handeln müssen, doch sämtliche Strafanzeigen seien im Sande verlaufen. Aus Sicht von Ludwig merkwürdig: »Irgendwann war alles verjährt.« Immer wieder gab es Ausreden, warum es nicht weiterging auf der Baustelle. Die Investoren, die sich von schönen Bildern undVersprechungen hatten ködern lassen, wurden immer wieder abgespeist mit dem Verweis, es gehe bald weiter. Zu diesem Zeitpunkt waren laut Ludwig nur noch drei der Käufer handlungsfähig, die anderen überschulde, mit den Nerven am Ende, Ehen zerbrochen. Offenbar zur Beruhigung stellte Philippi zwischendurch einen Wechsel über 10 000 Mark aus, »der platzte natürlich.« Dabei war längst überdeutlich, wie extrem dünn die Finanzdecke war.

Angefangen hatte das problematische Schneeballsystem schon damit, dass Käufer neue Käufer anwarben und eine Provision bekamen. Aber wenn Baufirmen ihr Geld sehen wollen, war die Gesellschaft Im.Com nicht liquide, zwischendurch stockte der Wohnungsverkauf immer wieder. Es fehlte frisches Geld. Und so folgte das Unvermeidliche: 2003 kam die Insolvenz für das Projekt Falkenhorst. Schuld aus Sicht des Investors waren immer die Anderen, Banken, das Finanzamt, ungeduldige Wohnungskäufer, die wissen wollten, wann das Vorhaben endlich fertig wird.

Wenn das geklappt hätte wie gedacht, säße ich unter Palmen

Ein Käufer

Etliche Firmen, die für ihre Leistungen kein Geld sahen, kamen in große Schwierigkeiten. Auch der österreichische Generalunternehmer musste Insolvenz beantragen. 2004 ein scheinbarer Lichtstreif am Horizont. Man habe mit der Großgläubigerin eine mögliche Lösung gefunden, das Objekt zu vermarkten, erklärte damals Insolvenzverwalter Jörg Dauernheim. Heute will er sich trotz mehrfacher Nachfragen zur Sache nicht mehr äußern. Investoren, mit denen Gespräche geführt wurden, winkten schnell ab. Die Vielzahl der beteiligten Eigentümer schreckte wohl ab, zumal inzwischen an die 90 Anzeigen gegen Inhaber Philippi vorlagen. Trotzdem führte der Geschäftsmann weiter das große Wort, verklagte einen Gemeindevertreter, weil der Zweifel geäußert hatte, dass das Vorhaben jemals fertig wird. Philippi hat laut Ludwig »in seinem Wahn versucht, wieder alle heranzuziehen, die er vorher verprellt hatte.«

2012 ein Paukenschlag. Die Gläubigerversammlung beschloss die Freigabe des Areals. Damit fiel das Grundstück an den Alleingesellschafter der Bauträgergesellschaft Im.-Com zurück. Karl Philippi kündigte an, dass er die Seniorenwohnungen und das Pflegeheim fertigstellen und verkaufen wolle. Die Käufer müssen heute immer noch die Kredite für die im Prinzip wertlosen Wohnungen bedienen. Im Internet wurde aber weiter dafür geworben, eine Wohnung dort zu kaufen.

 

Wasser im Keller, zerborstene Scheiben

Auch dieser Versuch schlug fehl. Schließlich stieg noch ein Investor ein, eine Firma aus Fernwald, auch hier auf Nachfrage Funkstille. Es sollten die Wohnungskäufe rückabgewickelt werden, ein aus Sicht Ludwigs gangbarer Weg, aus dem Schlamassel heraus zu kommen, doch es ging wieder nur schleppend voran, nur ein Teil der Wohnungen konnte zurückgekauft werden.

Akten seien bei einer Hausdurchsuchung beschlagnahmt worden, die inzwischen alle weg seien. Nennenswerte Aktivitäten: laut Ludwig »null«. Er fürchtet zudem, auf der Baustelle könne jemand zu Schaden kommen. Im Keller steht meterhoch das Wasser, überall stellen zerborstene Scheiben oder hervorstehende Rohre mögliche Gefahrenquellen dar. Kontrollen ergaben aber: kein Sicherheitsrisiko (siehe Kasten).

INFO

»Kein Sicherheitsrisiko«

Durch den langen Leerstand verschlechterte sich der Bauzustand des Gebäudes, er stellt jedoch aus Sicht der Unteren Bauaufsichtsbehörde kein unmittelbares Sicherheitsrisiko dar. Grundsätzlich sind Eigentümer verpflichtet, ihre Anlagen in einem sicheren Zustand zu halten und Baustellenbereiche abzusichern, wenn davon eine akute Gefahr für andere Personen ausgeht. Diese gilt nur eingeschränkt beziehungsweise entfällt, wenn sich Personen unberechtigt auf dem Grundstück aufhalten oder sich Zutritt verschaffen. Die Bauaufsicht kann erst eingreifen, wenn der Eigentümer seiner Erhaltungs- und Verkehrssicherungspflicht nicht nachkommt. In gewissen Zeitabständen wird das Anwesen in Augenschein genommen. Hier unterstützen sich Gemeinde- und Kreisverwaltung. Jüngst fand wieder eine Kontrolle statt. Diese ergab, »dass keine akute Gefährdung besteht«. Es gebe »weder extreme Baufälligkeit noch übermäßigen Vandalismus«.

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