14. Juli 2018, 08:55 Uhr

Insektensterben

Bessere Technik hilft Insekten

Das Insektensterben kann viele Ursachen haben. Das sagen Wissenschaftler des Forschungszentrums Neu-Ulrichstein (FNU), die täglich mit dem Thema beschäftigt sind.
14. Juli 2018, 08:55 Uhr
Prof. Dr. Klaus Peter Ebke steht mit einer Falle für Insekten auf dem Versuchsacker von Neu-Ulrichstein inmitten von Weizen. (Foto: jol)

Allgemeine Zeitung: Ist das Insektensterben eine aktuelle Bedrohung?

Prof. Dr. Klaus Peter Ebke (FNU): Es gibt eine Reihe von Veröffentlichungen, die alle einen Rückgang von Insekten in Mitteleuropa beschreiben. Ich sehe ein gefühltes Insektensterben, es sind weniger, die nachts um Lampen fliegen. Ein Rückgang der Insekten würde auf jeden Fall schwerwiegende Folgen für unsere Ökosysteme und letztlich für den Menschen bedeuten. Hier beschreiben die Naturschutzverbände sehr genau die Risiken: Insekten fehlen in Nahrungsnetzen als Futtergrundlage für andere Tiere und bewirken Folgen für die Tier- und Pflanzenwelt.

Was sind die Folgen für Pflanzen?

Thomas Bing (Mesocosm GmbH): Nicht nur die bekannte Honigbiene ist für die Bestäubung der Pflanzen wichtig. Es gibt bei uns etwa 500 Wildbienenarten, die für die Bestäubung von vielen Wildkräutern, Obst und anderen Kulturpflanzen wichtig sind. Aber neben der Biene gibt es unzählige weitere Insektenarten, die ebenfalls bestäuben, wie Käfer, Fliegen und Schmetterlinge. Einige Pflanzenarten sind direkt angepasst an bestimmte Bestäuber. Als gutes Beispiel ist hier die Hummelragwurz zu nennen, die im Wesentlichen nur von wenigen Insektenarten bestäubt wird.

Was sagt die Wissenschaft? Welche Zusammenhänge kennt man bereits?

Dr. Olaf Fülling (Tier 3 solutions GmbH): Wie sich der vielfach beschriebene Rückgang der Insekten darstellt, ist leider nicht gesichert beschrieben. Im Moment gibt es leider mehr Fragen als Antworten, zum Beispiel: Welche Regionen sind besonders betroffen? Welche Arten sind betroffen? Welches sind die Hauptursachen? Die Insekten sind eine enorm vielfältige Tiergruppe in unseren Ökosystemen. Es gibt viele 100 000 unterschiedliche Arten. Die Antworten sind somit genauso vielfältig und vielschichtig. Standorte mit vielen Pflanzenarten sind auch artenreich an Insekten.

Die Landwirtschaft weist Vorwürfe zurück, der Verursacher der Entwicklung zu sein.

Dr. Ebke: Die Landwirtschaft ist keinesfalls der einzige Urheber des Rückgangs von Insekten. Richtig ist, dass die Landwirtschaft in großem Maße unsere Landschaften prägt und großen Einfluss auf die Vielfalt von Pflanzen- und Tierarten in unserer Landschaft hat. Hier ist der Standpunkt des Vogelsberger Bauernverbands korrekt, dass eben nicht die Landwirtschaft alleine verantwortlich ist, es sind auch andere Formen der Landnutzung.

Aber die Landwirtschaft setzt Chemikalien im großen Stil in der Umwelt ein, das muss doch Auswirkungen haben?

Dr. Fülling: Der Landwirt hat wenig Spielraum, wenn er seinen Betrieb wirtschaftlich führen möchte. Selbst der Biobauer ist darauf angewiesen, Schädlinge zu bekämpfen und seine Lagerbestände vor Schädlingen zu schützen. Die landwirtschaftliche Praxis ist heute auf Pflanzenschutzmittel angewiesen, die allerdings sehr strengen Regularien unterliegen. Klar könnte man heute viel mehr Flächen hier in Mitteleuropa auf eine ökologisch verträglichere Produktion umstellen ohne die Versorgung zu gefährden. Das ist jedoch eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, nicht die der Landwirtschaft. Der Landwirt heute muss betriebswirtschaftlich denken und die Nachfrage bedienen.

Wie werden Pflanzenschutzmittel geprüft?

Dr. Jörg Leopold (IBACON GmbH): Letztes Jahr hatten wir eine interessante Studie, die den Einfluss eines Pflanzenschutzmittels auf die Nutzinsekten in der Kartoffelkultur untersuchte. Das FNU konnte uns dafür auf einer sehr großen Fläche Kartoffeln als Untersuchungskultur bereitstellen. Man beprobt die Tiere von der Aussaat der Kultur bis kurz vor der Ernte unter dem Einfluss des zu testenden Pflanzenschutzmittels. Es entstehen hunderte von Proben, die wir mit sechs Wissenschaftlern auswerten. Das dauert Monate, wir fanden insgesamt 180 Arten von Insekten und Spinnen. Mit diesen Untersuchungen können wir anschließend sehr genau sagen, wie sich ein Pflanzenschutzmittel kurz- und mittelfristig auf diese Tiere auswirkt.

Nachher gab es eine große Kartoffelernte?

Dr. Ebke: Leider nein, um die Insekten in dem nötigen Umfang erfassen zu können, mussten wir bis Mitte, Ende Oktober Proben entnehmen. Danach war die Ernte zum Teil gar nicht mehr möglich.

Wer ist gefragt, wenn es um den Schutz des Insektenbestandes geht?

Bing: Wir hoffen, dass sich die öffentliche Diskussion wieder etwas in die richtige Richtung bewegt. Es gibt noch viele Verbesserungsmöglichkeiten zum Beispiel durch eine verbesserte Spritztechnik. Die Spritzdüsen sind an einer Verlängerung so angebracht, dass sie unterhalb der Rapsblütenstände sprühen. Dadurch entsteht wenig Sprühnebel, die Blüten-Pollen und Nektar werden deutlich weniger belastet. Die Spritzung ist trotzdem wirksam gegen Schadinsekten wie den Rapsglanzkäfer. Es gibt technisch viele Innovationen, aber das kostet auch alles viel Geld und der Landwirt bekommt nicht viel für seine Produkte.

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