29. Mai 2018, 12:00 Uhr

»Fealler Platt«

Erich Seim hat Heimat auf der Zunge

Für ihn heißt beten »beäre« und beleidigt »äbsch« – Erich Seim liebt die Feldataler Mundart, das »Fealler Platt«. Deshalb hat er rund 600 Ausdrücke gesammelt und will daraus ein Buch machen.
29. Mai 2018, 12:00 Uhr
Humorvolle Gedichte auf Platt sind seine Leidenschaft: Erich Seim. (Foto: jol)

Ein Treffen mit Erich Seim ist immer ein Ereignis, er sprudelt vor Anekdoten und liest gern zwischendurch ein eigenes Gedicht vor, meist in Verbindung zu Traditionen aus seinem Heimatort Groß-Felda. Der 75-Jährige braucht kein Heimatministerium, er trägt die Heimat im Herzen oder eher: Auf der Zunge. Seit fast 30 Jahren sammelt er Mundart-Begriffe. Angefangen hat es mit dem Schreiben von Gedichten für den Feldatal Boten, inzwischen wirkt Erich Seim im Kreis des Vereins Historisches Feldatal. Ihn begeistern Begriffe wie »Affegout« für den Rechtsanwalt, abgeleitet vom französischen avocat. Auch beim baddu, dem Wort für »sofort«, merkt man erst beim Sprechen, dass es von dem französischen »partout« kommt, was allerdings »überall« bedeutet.

Anfangs war es die Begeisterung für Geschichten von Karl Brodhäcker und Lutz Dönges alias »Hieronymus Cäsar«, die ihn an das Thema heranführten. Geistige Ziehväter des 75-Jährigen sind auch Emil Winter und Peter Geibel. Letzterer war »der erste studierte Tierarzt in Groß-Felda«. Der hatte es als Zugereister nicht leicht, »die Bauern haben ihn nicht estimiert«, schmunzelt Seim. Geibel zog es dann in die Wetterau, wo er humoristische Mundart-Geschichten sammelte. Mit glänzenden Augen zeigt Seim seine Sammlung mit Büchlein von Mundart-Autoren. Darunter ist auch ein Heftchen von Ernst Eimer »Aus isem schine Vulsberg«, erschienen 1946.

Enkel verstehen vieles nicht

»Das Schlimme ist, dass Mundart am Aussterben ist,« seufzt Seim. Die alten Leute sind noch mit Dialekt aufgewachsen, die Kinder verstehen ihn noch, können ihn aber nicht mehr sprechen. Und die Enkel können mit den alten Begriffen nichts mehr anfangen, wie Seim bedauert. Da ist er froh, dass am Mundart-Stammtisch von Karl-Heinz Theiß aus Gemünden noch die Tradition des »Platt-Schwätzens« hochgehalten wird. Dabei schreibt Theiß die unbekannten Begriffe mit, damit sie der Nachwelt erhalten bleiben. Manches muss erläutert werden, so hat Seim bei einem Stammtisch im Schlitzer Land kaum etwas verstanden. Der Dialekt sei ebenso schwer nachzuvollziehen wie derjenige in Eichelsachsen, einem Ortsteil von Schotten.

Dialekt ist gesprochenes Wort, und das kann sich schon bei Nachbarorten unterscheiden, wie Seim bereits in seiner Heimatgemeinde feststellt. So heißt es in Windhausen »wir gehn hääm« und im keine zwei Kilometer entfernten Groß-Felda »wir gehn heem«. Noch schwieriger sind Besonderheiten wie die »Maurersprache« in Köddingen. Die dortigen Handwerker haben von ihren Arbeitseinsätzen Begriffe aus dem jiddischen, welschen und französischen mitgebracht. Damit hat sich Otto Traum lange befasst, aber der Köddinger ist vor einiger Zeit weggezogen und hat seine Unterlagen mitgenommen, wie Seim bedauert.

Dorfnamen an jedem Haus

Aktuell sammelt er die Dorfnamen, also die Bezeichnung, die einem Haus und der darin wohnenden Familie im allgemeinen Dorfgebrauch zugeordnet war. Eine Auflistung der Dorfnamen ist bereits im Heimatbuch Feldatal erhalten, Seim möchte die Liste noch vervollständigen. Vielleicht können die Dorfnamen ja auf Schilder gemalt und an den Häusern angebracht werden, wie es in Nachbarorten geschehen ist. Die gut 600 Mundart-Begriffe gibt Erich Seim nun in den Computer ein. Er will ein Büchlein herausgeben, doch die Finanzierung des Projekts ist noch ungeklärt.

Damit will er einen Teil der Heimatgeschichte bewahren. »Wenn ich eines Tages nicht mehr bin, sollen die Dialektwörter für unsere Nachfahren erhalten bleiben,« begründet er das Buchprojekt. »Das ist ein Stück Heimatgeschichte.«

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